Das Minenwerferunglück vom 15. Dezember 1941

Gedenkstein im Unter-Bühl
Gedenkstein im Unter-Bühl

In Erinnerung an das Minenwerfer-Unglück vom 15. Dezember 1941

 

Näfelser Fahrt gedenkt vier tödlich verunglückten Soldaten

Von Hans Speck

 

Bei einer kombinierten Schiessübung am Montagabend des 15. Dezember 1941 verloren vier Minenwerfer-Soldaten der Stabskompanie 85 nach einem Rohrkrepierer ihr Leben. Die Unfallursache konnte nie ermittelt werden. Im Jahre 1944 weihte die Stabskompanie ein Denkmal beim Unter Bühl ein, in unmittelbarer Nähe, wo die Katastrophe geschehen war. Soldaten und Fussvolk gedenken jedes Jahr am Tag der Näfelser Fahrt der vier tödlich verunglückten Soldaten. Eine Ehrenformation legt beim Denkmal einen Kranz mit rot-weisser Schlaufe nieder. Zu diesem bewegenden, feierlichen Akt intoniert die Harmoniemusik aus Näfels oder Glarus, je nach Turnus, das Lied vom "Guten Kamerad“.

 

Kranzniederlegung am Gedenkstein an der Fahrt 2016

Fotos: Peter Ackermann, Mollis 

 

 

Ich mag mich gut erinnern: Als kleiner Bube musste ich stets mit meinem Vater an die Fahrt. Er legte grossen Wert darauf, an diesem Anlass bei Wind und Wetter teilzunehmen. Das galt auch für mich und jedes Mal nahmen wir über viele Jahre gemeinsam den idyllischen, traditionellen Fahrtsweg entlang des Wiggis nach Näfels unter die Füsse. Dieser Tradition bin ich bis zum heutigen Tage treu geblieben. Das soll, so lange Gott will, auch noch einige Jahre so bleiben. Ich habe tatsächlich bis zum heutigen Tage noch keine Fahrt ausgelassen! Der schreckliche Abend des 15. Dezember 1941, den mein Vater als Mitrailleur und Selbstbeteiligter an der Schiessübung live miterleben musste, und bei dem er liebe Kameraden in ihrem eigenen Blute sterben sah, hat bei ihm zeitlebens eine tiefe Wunde hinterlassen und ihn auch geprägt. Viel hat er mir über diesen schrecklichen Abend erzählt und jedes Mal, wenn das Lied vom guten Kameraden durch die Harmoniemusik vor dem Denkmal im Unter Bühl intoniert wurde, hat es ihn buchstäblich durchgeschüttelt. Zu tief waren die Erinnerungen an den Tod seiner lieben Kameraden. Auch mein damals achtjähriger Bruder Wisi hatte das Unglück miterlebt. Er stand damals auf dem Hügel des Unterbühl und hatte grosse Angst um unseren Vater, der ja selbst an dieser Schiessübung im Einsatz war.

 

Im Buch "Das Glarner Bataillon“, herausgegeben aus Anlass des Jubiläums "125 Jahre Geb Füs Bat 85“, schildert Oberst Werner Tschappu, damals im Grade eines Leutnants und Kommandant Stellvertreter der Stabskompanie 85 die dramatischen Ereignisse von damals:

  

Am 11. November rückten wir wiederum ein und dislozierten über die Ennetberge-Mullern-Mollis nach Weesen. Am 15. Dezember 1941 ist unterhalb von Netstal eine kombinierte Schiessübung angesagt. Ein Angriff einer Füsilier-Kompanie, verstärkt mit einem Grenadierzug auf einen supponierten Bunker am Wiggishang wird von Maschinengewehr, Minenwerfer und Infanteriekanone unterstützt. Um die Sicherheit beim Überschiessen zu erhöhen, wird die Infanteriekanone auf dem Unter Bühl postiert, die Minenwerfer in der Ebene nach Vorschrift eingegraben. Das ganze Szenario wird am Nachmittag durchgespielt, die Sicherheitsvorschriften werden genau beachtet. Am Abend wird das ganze Regiment als Zuschauer der Übung beiwohnen.

Alles ist bereit! Auf eine grüne Rakete beginnt der Feuerschlag der Unterstützungswaffen. Ich stehe auf dem Hügel bei der Infanteriekanone und verfolge eine Übungs-Panzergranate mit Leuchtsatz. Dann erhellt ein Blitz die Nacht, eine heftige Explosion erschüttert die Luft. Beim ersten Schuss eines Minenwerfers ist eine Wurfgranate kurz nach Verlassendes Rohres krepiert. Einen Moment Stille, dann Schreie der Verwundeten. Die in der Nähe stehenden stehen unter Schock und laufen kopflos hin und her. Ich befehle, als erstes einen Kordon um die Unglücksstelle zu ziehen. Die Sanitäts-Leutnants Gallati und Hugentobler behalten ruhig Blut und organisieren erste Hilfe. Die Verletzten werden zur nahen Scheune gebracht und dort verarztet. Es sieht schlimm aus!

Zwei Spitalwagen bringen die 17 Verwundeten nach Glarus. Die Scharfschiessübung wird sofort abgebrochen. Zu später Stunde nimmt die Kompanie in den "Eidgenossen“ in Netstal das Abendessen ein – es wird kaum gesprochen, jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Auch der Rückmarsch nach Weesen verläuft wortlos. Dort macht man Appell, dann wird Ruhe verordnet. Die Liste wird mit dem Spital verglichen – ein Mann fehlt. Sanitäts-Soldat Gallati! Später erfährt man, dass dieser zu Fuss verletzt nach Glarus gelaufen sei. Als Suchtrupp werden ein Zug vom III/85 und die Feuerwehr Netstal mit Beleuchtungsmaterial bereitgestellt. Kurz vor dem Einsatz wird vom Spital gemeldet, dass Soldat Gallati leicht verletzt dort sei. Gleichzeitig teilt man uns mit, das Mw Kanonier Karl Lüönd, (Jahrgang 1920), seinen Verletzungen erlegen sei. Ich muss dem Bruder im III/85 diese traurige Nachricht mitteilen.

Siebzehn verletzte Kameraden liegen im Spital, darunter Leutnant Hermann mit sehr schweren Verletzungen. Er wird später in das Universitätsspital in Zürich überführt. In den nächsten Tagen sterben Minenwerfer-Gefreiter Vitus Stadler, (Jahrgang1918) Minenwerfer-Kanonier Johann Hauser (Jahrgang 1910) und Minenwerfer-Wachtmeister Willy Zingg (Jahrgang 1914).Sie wurden mit militärischen Ehren bestattet. Uns bleiben sie als liebe Kameraden in bester Erinnerung.

 

Der Stall, in dem  Erste Hilfe geleistet wurde.

 

 

Die Wiese, auf der das Unglück geschah.

 

Am folgenden Tag kommen Untersuchungsrichter und Fachexperten. Über alles müssen wir Rede und Antwort geben. Die Vorbereitungen und der ganze Hergang werden peinlich genau untersucht. Meines Wissens ist die genaue Ursache des Unfalls nie ermittelt worden. Als letzten Dienst vor der Entlassung begleitet das ganze Bataillon den Sarg von Wachtmeister Zingg vom Spital zum Bahnhof. Glarner Nachrichten-Korrespondent Kaspar Freuler schreibt darüber einen ergreifenden Artikel.

Dieses tragische Unglück und der Verlust der vier Kameraden schweisst die Stabskompanie noch mehr zusammen. Man ist sich als Kamerad, als Mensch näher gekommen. Dies zeigt sich bei jeder Zusammenkunft.

 

 

Die vier Todesopfer des Minenwerferunglücks

 

Auf dem Foto oben links Kanonier Johannes Lüönd aus Oberurnen. Oben rechts Kanonier Johannes Hauser aus Elm. Unten links Wachtmeister Willy Zingg aus Zürich und unten rechts Kanonier Vitus Stadler aus Mollis. (Foto zVg 9221)

 

 

Ich hatt einen Kameraden…

(Zeitungsbericht von Kaspar Freuler in den Glarner Nachrichten 22. 12. 1941)

 

Durch die Schleier des schwindenden Schlafes tönt eine dumpfe Melodie, unregelmässig, als wenn mit einem Knochen auf Holz geschlagen würde, tönt von neuem, wiederholt sich, kommt näher. Es ist, als ob ein alter, todmüder Tambour der Heimat zuschwenken würde. Die letzten Sterne leuchten am Himmel, im ersten Morgengrauen stehen die Konturen der Strassen, die hohen Kirchtürme, die Dächer gegen das hellere Grau des Winterhimmels. Der Glärnisch verliert sich im Dunst der Wolken. Da und dort werden Fenster hell, gelbe Vierecke, in denen die Schatten der Menschen stumm in die Strassen hinunter starren. Dann lösen sich aus dem Dunkel der Tiefe die ersten Gestalten, marschieren langsam in den mattgelben Schein der Laterne unter mir. Soldaten begleiten ihren toten Kameraden. Das Spiel voran. Die Instrumente schweigen, das Licht der Laterne spielt um sie. Nur der Tambour im letzten Glied schlägt seinen einförmigen, klagenden Schlag auf das dumpfe, abgespannte Fell. Und hinter ihm in Reih und Glied die Kompanie – Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten. Die Gewehre geschultert, im Gleichschritt, langsam. Mitten aus der Schar der jungen Soldaten ragt die Fahne, schwarz umflort, kaum dass ihr Rot-Weiss durch die Falten des Flores schimmert. Kein Lüftchen geht. Zwei Pferde ziehen den hohen Sargwagen, dessen schwarze Umhänge sich kaum aus dem Dunkel abheben. Der Laterne Schein fällt über das Banner mit dem weissen Kreuz im roten Feld, das den Sarg deckt und über die zwei mächtigen Lorbeerkränze. Die braunen Rösslein haben schon manchen gezogen, gleichmütig schreiten sie aus und verschwinden. Und hinter dem Sarg löst sich Zug um Zug, Kompanie um Kompanie aus der Tiefe des Dunkels, ein langer Heerwurm in Schritt und Tritt – das ganze Bataillon gibt dem Toten die letzte Ehre. Man erkennt keinen: nur Uniformen, Stahlhelme, Gewehre; düsterer Rhythmus der langen Marschkolonnen, aus dem Dunkel auftauchend, im Dunkel der Ferne verschwindend.

 

So begleiten sie am letzten Tag des Dienstes ihren jungen Kameraden. Eine Frau und ein Büblein warten auf ihn im hintersten Dorf des kleinen Tales. In der gleichen Stunde, wo sie sich sonst herzlich und voller Freude in die Arme geschlossen hätten, warten sie an diesem grauen, kalten Samstagmorgen auf einen Toten. Mit ihnen das ganze kleine Dorf…

 

Um vier Tote trauert das Bataillon. Ein unseliger Zufall hat sie mitten aus der Arbeit gerissen; niemandem kann die Schuld gegeben werden. Vier Toten krachen die Salven über das offene Grab. Einen Augenblick lang steigt eine düstere Vision aus anderen Ländern auf: mit starren, blutenden Händen werden Gruben aufgeworfen, werden Hunderte hineingeworfen, indessen am Horizont die Feuergarben aufglühen und Kanonendonner die Stille zerreisst. Noch gilt in unserem Land das Leben, der Mensch, die Seele. Der Soldat rollt auf seiner letzten Fahrt der Heimat zu. Auf dem weiten Landsgemeindeplatz findet der Oberst mannhafte Worte des Dankes und des Trostes. Die rotweisse Fahne flattert im frischen Wind. Die Musik spielt: "Ich hatt einen Kameraden…“ Schulkinder mit Tannzweigen und Kerzen wandern vorüber. Bald ist es Weihnachten!

 

Textautor Kaspar Freuler, erschienen in den Glarner Nachrichten am 22. Dezember 1941