Die Geschichte der Papierfabrik Netstal AG

Ohne Papier - keine Kultur!

Von Hans Speck

 

Sie tönt schon etwas hochmütig, diese Titelzeile, und trotzdem ist sie angebracht. Wäre nämlich der Schritt vom damaligen Pergament zum Papier nicht vollzogen worden, gäbe es beispielsweise keine Zeitungen, und Bücher wären schon gar nicht zu bezahlen. Was wäre trotz Computer, Mobiltelefonen, Internet und all die digitalen Angebote, welche im heutigen Angebot stehen, unser Geschäftsleben ohne Papier und Ordner! Der Zahlungsverkehr wickelt sich heute noch grösstenteils mit Papiergeld und Wertpapieren ab. In unserem Leben begegnen wir tagtäglich dem Papier, sei es auf der Toilette, im Haushalt, in der Medizin, im Lebensmittelbereich. Hochglanzprospekte und Broschüren zieren Kioske und Wartzimmer.Das Aufzählen hat kein Ende.

 

 

Älteste bestehende Industrie im Kanton Glarus

 

Die Papierfabrik Netstal AG, im Volksmund auch "Papyri“ genannt, ist die älteste bestehende Industrie im Kanton Glarus. Sie stand in Netstal gleich gegenüber dem Bahnhof und wird erstmals als Papierfabrik geschichtlich im Jahre 1679 erwähnt.

Obere Papierfabrik heute.  Foto: Kurt Meyer
Obere Papierfabrik heute. Foto: Kurt Meyer

 

Die obere "Papyri“, von der immer noch Fabrikationsgebäude von damals vorhanden sind, könnte heute auf stolze 337 Jahre zurückblicken. Gründer dieser ersten Papiermühle war Heinrich Weber-Walcher (1654-1722). In unmittelbarer Nähe wurden von der Familie Zweifel eine zweite und 1823 eine dritte Mühle erbaut. Im Jahre 1813 gründete Fridolin Egger "Im Löntschen“ in Netstal eine Papiermühle, welche 1862 stillgelegt und 1956 abgerissen wurde.

Untere Papierfabrik heute. Foto Kurt Meyer
Untere Papierfabrik heute. Foto Kurt Meyer

Im Jahre 1854 gründete Johann Jakob Zweifel-Leuzinger gemeinsam mit dem Gemeindepräsidenten Fridolin Leuzinger und dessen Bruder, Major Johann Heinrich Leuzinger, im Erlenschachen, südlich des Tschachenwaldes, die untere Papierfabrik an der Linth mit der ersten Papiermaschine, welche 1857 in Betrieb gesetzt wurde. Zur damaligen Zeit war Netstal die eigentliche Hochburg für die Herstellung von Papier. Im Jahre 1865 traten Fridolin und Johann Heinrich Leuzinger aus der Papierfabrik aus. Von nun an gehörten die obere und die untere Papierfabrik Johann Jakob Zweifel und dessen Sohn Fridolin. Neun Jahre später gingen sie in den Besitz der beiden Söhne aus zweiter Ehe, Ludwig Zweifel-Schneider und Johann Jakob Zweifel-Kubli über. In diese Zeit fiel auch der Einbau einer neuen Papiermaschine in der Oberen Papierfabrik. Um die Jahrhundertwende erlebte die Papierindustrie ihre Blütezeit. Die Belegschaften beider Betriebe stiegen kontinuierlich an. Trotzdem musste im Jahre 1921 kurz nach dem Ende des 1. Weltkriegs Ludwig Zweifel-Kuhn, trotz wirtschaftlichem Aufschwung, die beiden Betriebe an die "Vereinigten Papierfabriken Netstal“ verkaufen.

Soweit die geschichtlichen Aufzeichnungen bis in die Jahrhundertwende.

 

Jugenderinnerungen an die "Papyri“

 

Drei Jahrhunderte lang machten Unternehmer und Arbeiter am Fusse des Wiggis die ganze Entwicklung vom einfachen Papiergewerbe am Bach bis hin zur hochentwickelten und technisierten Papierindustrie mit. Für uns Kinder war nebst anderen Industrie-und Gewerbebetrieben in Netstal die Papierfabrik Netstal ein Begriff. Nicht wenige unserer Väter und Mütter verdienten dort ihr Brot. Ab und zu erweiterten wir Jungs "rein zufällig“ unser Revier auf das Areal der Oberen Papierfabrik, wo mein Onkel Chäpp Schmuckli, der Bruder meiner Mutter, seit vielen Jahren als Papierarbeiter angestellt war und er hatte sich in all den vielen Jahren seiner Tätigkeit bis zum Schichtführer empor gearbeitet.  „So, ihr Kneller, was händ er wider uff em Programm – da inne händ er nüüt z’sueche“, ermahnte Onkel Chäpp seinen Neffen samt Kumpels. Seine rollenden Augen und sein Gesichtsausdruck waren Zeichen für uns, so rasch als möglich das Weite zu suchen. Für mich speziell faszinierend war das kleine Fabrikbähnchen mit all den Schmalspur-Gleisen und Weichen, die kreuz und quer durch das Areal führten und auf deren Wagen die fertigen, riesigen Papierrollen auf den Abtransport in alle Welt warteten. Haupttransportmittel war die Eisenbahn, die ja in unmittelbarer Nähe am Areal vorbei führte. In Erinnerung geblieben ist mir im Zusammenhang mit der Papierfabrik auch das Netstaler Jugendfestspiel aus dem Jahre 1959. Im Rahmen der Einweihungsfeiern hatte Lehrer Florian Riffel, den ich heute noch verehre und der mir die Freude am Schreiben beigebracht hat, ein Festspiel für alle Schulklassen geschrieben. In diesem wurde unter dem Motto "Die Netstaler Mustermesse“ auch die Papierfabrik erwähnt. Ausgerechnet die vierte Klasse unter Lehrer Fritz Stähli, bei dem ich alles andere als gerne in die Schule ging und dessen Popularität bei mir am Ende der Rangliste stand – genau bei diesem Pauker mussten wir diese Aufführung üben. In dieser war ein Part einer Schülergruppe vorgesehen mit nachstehendem Text:

 Mir hebed dänn rächt gha, i d’Papierfabrike

Zwee vo de stärchschte Athlete z’schicke!

Da wär zerscht e Rolle. - Und da nuch e Garbe

Papiermuschter – gsend er – i allnä Farbe…

Und da… luuter Heftli. Ich sage Dir:

„Gedruckt auf Netschteler Tiefdruckpapier…!

E so fyni Bögli – ich bi richtig stolz –

Macht mä z’Netschtel us währschaftem Bärgtanneholz…

 

Soweit meine Jugenderinnerungen an die "Papyri“ in Netstal.

 

 

 

Chronologie der Geschichte

 

1679 Erstmals als Papierfabrik geschichtlich erwähnt. Vor 1679 gründete Heinrich Weber-Walcher

(1654-1722) in Netstal eine Papiermühle

 

1765 Übergang durch Heirat des Kornmüllers Ludwig Zweifel (1729-1779) mit der Tochter des

Papiermachers Fridolin Weber, in dessen Familie das Unternehmen bis 1921

verblieb.

 

1854 Bau der „Unteren Papierfabrik“ an der Linth

 

1870 Einbau einer Papiermaschine in der Oberen Papierfabrik. Die beiden Fabriken firmieren unter

den Gebrüdern Ludwig und Jakob Zweifel, Papierfabriken, Netstal.

 

1917 Gründung einer Aktiengesellschaft.

 

1921 Verkauf an die Genossenschaft des Schutzverbandes der papierverarbeitenden Industrie der

Schweiz (EIKA).

 

1922 Die Untere Papierfabrik wird fast gänzlich abgerissen und mit einer neuen Turbine,

Holzschleiferei und einer 220 cm breiten Papiermaschine neu aufgebaut.

 

1925 Gründung Vereinigte Papierfabriken Netstal AG

 

1974 Entschluss der EIKA-gruppe, beide Papierfabriken stillzulegen. Übernahme der Unteren Papierfabrik durch die englische Firmengruppe G.T. Mandel und Gründung einer neuen Aktiengesellschaft "Papierfabrik Netstal AG“. Stilllegung der Holzschleiferei und Umbau der Papierfabrik von grafische papieren auf Filterpapier

 

1985 Von 1985 -1990 komplette Erneuerung der gesamten Maschinenanlagen und Einbau der neuen

Papiermaschine Escher-Wyss/Reinhard

 

1994 Papierfabrik Netstal AG avanciert zum zweitgrössten Kaffeefilter-Hersteller Europa.

 

2001 Übernahme der Riemenschmid Kaffeefilterproduktion AG

 

2002 Auslagerung der Kaffeefilterproduktion nach Nossen (BRD) und Diversifikation der

Produktionspalette in die Bereiche Landwirtschafts-, Hygiene-, Medizinal- und Lebensmittelpapiere.