Geschichte der Kalkfabrik Netstal

Von Hans Speck

Alte Kalkfabrik 1920. Flugaufnahme von Walter Mittelholzer
Alte Kalkfabrik 1920. Flugaufnahme von Walter Mittelholzer

 

Die Geschichte der Kalkfabrik Netstal AG ist eng mit der Geschichte der Gemeinde Netstal verbunden. Seit  Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum heutigen Tage wird im Steinbruch am "Elggis“ Kalkstein abgebaut. Der Ursprung der Kalkfabrik Netstal AG findet sich in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts in Schwanden.

Dort wurden am 27. November 1859 durch den Stechermeister Zopfi eine Kalkbrennerei und ein Ziegelwerk im Tänniberg bei Schwanden errichtet. Im Jahr 1865 übernahm Sohn Melchior Zopfi den Betrieb zunächst pachtweise und erwarb ihn dann im Jahre 1885 käuflich. Im Jahre 1900, fünfzehn Jahre später, waren die Kalksteinlager bei Schwanden erschöpft. Melchior Zopfi musste sich gegen Ende des Jahrhunderts wohl oder übel nach einem neuen Kalksteinvorkommen umsehen. Fündig wurde er im Jahre 1899 in Netstal, genauer gesagt am östlichen Dorfrand am Elggis beim Oberlanggüetli.

 

Von Schwanden nach Netstal

 

Am 11.Juni 1899 entsprach die Haupt-Maiengemeinde in Netstal einem Begehren von Zopfi, einen Konzessions-vertrag für fünfzehn Jahre abzuschliessen, dies bei einer jährlichen Gebühr von 500 Franken. Im Jahre 1900 verlegte Zopfi seinen Betrieb von Schwanden an den Elggis bei Netstal. Das Kalkbrennen wurde in den Anfängen mit einem Bührer-Ringofen betrieben. 1907 verlängerte man den bestehenden Konzessionsvertrag bis ins Jahr 1950. Später, im Jahre 1909, erwarb Zopfi vom Tagwen Glarus zusätzlich das angrenzende Steinbruchgebiet. Im Jahre 1904 und in den folgenden Jahren wurde die Brennkapazität durch den Bau von sechs handbeschickten Schachtöfen mit einer Leistung von je 20-25 Tagestonnen laufend erweitert. Zopfi erwarb im Jahre 1910 die stillgelegte Baumwolldruckerei Kubli im Langgüetli, deren neu ausgebaute Wasserkraft ab 1912 den grössten Teil des Strombedarfs der Kalkfabrik erzeugte.

Kalkfabrik nach 1912 mit Kantine und Werkwohnungen.
Kalkfabrik nach 1912 mit Kantine und Werkwohnungen.

 

 Im gleichen Jahr baute man ein Verbindungsgleis mit zwei Brücken über den Löntsch und die Linth und Anschluss an die SBB. Ebenfalls im Jahr 1912 trat der Enkel von Melchior Zopfi, Dipl. Ing. Chem. Konrad Auer-Brunner als 22-Jähriger in die Firma ein.

 

Die Kriegsjahre hinterliessen Spuren

 

Im ersten Weltkrieg konnte die Firma, die als grösste Kalkfabrik der Schweiz etwa fünfundvierzig Prozent der Landesproduktion an Weisskalk hervorbrachte, bedeutende Mengen Kalk an die Zentralmächte liefern. Über 5‘000 Wagenladungen Kalk pro Jahr (oder 50‘000 Tonnen) verliessen 1917 und 1918 das Werk. Der Personalbestand betrug in dieser Zeit 125 Mann.

Kalkfabrik 1915
Kalkfabrik 1915

Später liess die Nachfrage nach Kalkprodukten zunächst stark nach, erholte sich aber im Laufe der Zeit wieder. Damals brauchten Karbid-fabriken grosse Mengen Kalk. Mit Ende des Ersten Weltkriegs ging der Kalkabsatz auf vierzig Prozent zurück, weil die inländischen Karbidfabriken als Hauptabnehmer nicht mehr mit dem Ausland konkurrieren konnten. Der Ausfall wurde teilweise wettgemacht, indem man ab dem Jahr 1925 den Abfallschotter für Bau- und Strassenzwecke aufarbeitete und später die Herstellung von gemahlenem Kalk- und Kalksteinmehl aufnahm.

 

Arbeiter der Kalkfabrik um 1920.
Arbeiter der Kalkfabrik um 1920.

Das Jahr 1921 brachte ein absolutes Tief im Absatz-bereich. Es wurden nur noch 9‘000 Tonnen Kalk verkauft. Die ernsthafte Lage auf dem inländischen Kalkmarkt führte zur Gründung der Vereinigung Schweizerischer Weisskalkfabriken VSWF. Das Präsidium hatte von der Gründung bis 1960 Dr.  Konrad Auer-Brunner inne.

Das Jahr 1924 brachte die Umbenennung des Kalkwerkes Zopfi in die Kalkfabrik Netstal AG mit 400‘000 Franken Aktienkapital. Im Jahre 1928 wurden die Fabrikanlagen erweitert und eine Mühle zum Mahlen des Branntkalkes installiert. Branntkalk diente als Ausgangsmaterial für die Kalksandsteinindustrie und fand im Laufe der Jahre neue Abnehmer.

Am 7. März 1931 starb der Firmengründer Melchior Zopfi. Als neuer Verwaltungsrat wurde P.H. Burkhard-Auer gewählt. Während der Krisenjahre erlitt auch die "Chalchi“ grosse Einbussen. Zeitweise waren die Anlagen nur zu zwanzig Prozent ausgelastet. Eine kurzfristige Besserung der Verhältnisse ergab im Jahre 1936 eine Franken-aufwertung um die dreissig Prozent. Die Jahre des Zweiten Weltkrieges standen unter dem Zeichen von Absatzschwierigkeiten und Rohstoffmangel. Am 1. Januar 1945 wurde der bis 1950 laufende Konzessionsvertrag mit dem Tagwen Netstal aufgehoben und das Steinbruchgelände durch die Kalkfabrik käuflich erworben. Gleichzeitig wurde die Konzession mit dem Tagwen Glarus bis ins Jahr 1970 verlängert.

 

 

Von Vater Konrad zu Sohn Konrad

 

1949  trat nach zweijährigem Studium an der amerikanischen Rutgers-Universität Dr. Ing. Chem. ETH Konrad Auer-Schaeppi in die Firma ein. Ein Jahr später wurde dieser in den Verwaltungsrat gewählt. 1950 feierte die Kalkfabrik Netstal AG mit allen Mitarbeitern feierlich ihr 50-jähriges Bestehen. Am 26. Juni 1953 beschädigte das Hochwasser der Linth das werkseigene Elektrizitätswerk im Langgüetli und setzte dieses einige Wochen ausser Betrieb. Im darauffolgenden Jahr richtete wiederum Hochwasser erhebliche Schäden an. „Genug des grausamen

Spiels“, sagten sich die Verantwortlichen der Kalkfabrik Netstal AG und erstellten zum Schutz gegen Hochwasser ein automatisches Klappwehr an der Linth. Das Jahr 1957 brachte den Kauf und den Einbau eines Grossbrechers. Im 1959 wurde der neue, mechanisierte und koksbetriebene Schachtofen zusammen mit einer Sortier- und Verladeanlage in Betrieb genommen. Am 28. Januar 1960 kam es infolge von Schweissarbeiten zu einem Brand im Schotterwerk. Die Schadensumme betrug rund 100‘000 Franken. Im gleichen Jahr wurde der Ringofenbetrieb

endgültig eingestellt, nachdem der Ofen 60 Jahre ununterbrochen in Betrieb gewesen war.

 

Kalkfabrik in den 60er Jahren (Schwimmbad im Bau)
Kalkfabrik in den 60er Jahren (Schwimmbad im Bau)

 

Investitionen erhöhen die Leistungskapazität

 

Mit der Installation eines zweiten Schachtofens konnte die Produktionsmenge beträchtlich gesteigert werden. 1963 konnte das neuerstellte Bürohaus eingeweiht und bezogen werden. Das Jahr 1965 brachte den Abbruch des Hochkamins und des Ringofens. Das Hochkamin musste infolge seines Standortes Stein für Stein von Hand abgebrochen werden. Ein neues Silogebäude mit Hydratabsackerei wurde im Jahr 1966 in Betrieb genommen. Im Jahr 1969 stiegen die Kokspreise um vierzig Prozent. Das hatte eine Erhöhung des Kalkpreises zur Folge. 1971 wurde der erste ölbeheizte Fiedler-Ofen in Betrieb genommen. Dabei gab es anfangs Schwierigkeiten beim Betrieb. Im gleichen Jahr leistete die Kalkfabrik mit dem Bau einer Abwasserkläranlage für die Kieswaschanlage einen wesentlichen Beitrag zum Umweltschutz. Zwei Jahre später konnte der zweite Fiedler-Ofen in Betrieb

genommen werden. Nach 62-jähriger Tätigkeit im Unternehmen gab Konrad Auer-Brunner im Jahre 1974 sein Mandat als Verwaltungsratspräsident in die Hände seines Sohnes Dr. Konrad Auer-Schäppi. 1975 feierte die Kalkfabrik Netstal AG in einer denkwürdigen Feier „75 Jahre Kalkfabrikation“ und gleichzeitig „50 Jahre Kalkfabrik Netstal AG“. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre bekam auch die Kalkfabrik die Auswirkungen der Erdölkrise zu spüren. Der Absatz von Weisskalk ging als Folge der allgemeinen Rezession stark zurück.

1982 wurde das Sortiment mit feinkörnigem Stückkalk, der von der Schweizer Stahlindustrie zur  Stahl-entschwefelung benötigt wurde, erweitert. 1986 konnte sich die Bevölkerung anlässlich eines "Tages der offenen Türe“ im Massstab 1:1 über die Herstellanlagen, die Produktionsweise und die Verwendung von Kalk informieren. Die ausgehenden 80er- und beginnenden 90er Jahre brachten der Kalkfabrik wirtschaftliche Prosperität und als deren Folge stete Erneuerungen und Verbesserungen der Produktionsanlagen. Im Jahre 1992 gab Konrad Auer-Trudel die operative Leitung der Kalkfabrik Netstal AG an seinen Schwiegersohn Dipl. Ing. ETH/MBA Heinz Marti-Auer weiter. Im gleichen Jahr entschied sich die Geschäftsleitung der KFN, eine Mitarbeiterzeitung namens "Chalchi-Ziitig“ zu drucken. Die Nummer 1 wurde im Dezember 1992 allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zugestellt.

 

 

Zukunft gesichert

 

Mit der Zustimmung der Gemeindeversammlung am 22. Juni 1994 zur Erweiterung des Kalksteinbruchs Richtung Sattel sicherte sich die KFN den Abbau über weitere Jahre. Nach einem mehrjährigen Bewilligungsverfahren erfolgte im Jahr 1997 die erste Sprengung im neuen Steinbruchareal. Im Jahre 1998 übernahm Heinz Marti von

seinem Schwiegervater auch das Präsidium des Verwaltungsrates. Als zukunftsorientierte Investitionen sind der Neubau des Verwaltungsgebäudes im Jahre 1999 und die neue Hydratanlage in Kombination mit einer neuen zentralen Absack- und Palettier-Einrichtung im Jahre 2000 erwähnenswert. Im Laufe ihrer über 100-jährigen Betriebsgeschichte hatten sich die "Chalchi“ als Industriebetrieb und die Familie Auer als deren Besitzerin voll in das wirtschaftliche und politische Leben der Gemeinde Netstal integriert. Die beiden Seniorchefs Konrad Auer-Brunner (1941 – 1956) und Konrad Auer-Trudel (1971 – 1984) prägten zu ihrer Zeit in ihrer Funktion als Gemeindepräsident die Geschichte der Gemeinde Netstal.

 

 

100 Jahre "Chalchi“

 

Im Millenniumsjahr 2000 feierte am 25. August die Kalkfabrik Netstal AG ihr 100-jähriges Bestehen. Aus bescheidenen Anfängen hervorgegangen, hatte sich die Firma zur grössten und schliesslich einzigen Weisskalkproduzentin in der Schweiz entwickelt. Dank der beharrlichen Anwendung neuester Technologien bei der Herstellung der Kalkprodukte überstand die "Chalchi“ viele schwierige Momente in ihrer Geschichte. Mit dem Bau einer neuen, leistungsfähigen Brechanlage im Jahre 2009 und entsprechenden Silokapazitäten für die Rohsteine, wurden die alten Anlagen inkl. der Materialseilbahn ersetzt. Die gesamten Investitionen beliefen sich auf 8,5 Millionen Franken. Von 2009 bis 2015 investierte die Geschäftsleitung weitere rund 10 Millionen Franken in moderne Produktionsmittel und Produktentwicklungen. Damit konnte sich die Kalkfabrik Netstal im hart umkämpften Markt behaupten und ihre Position sogar noch stärken. Im Zuge der Ausrichtung der KFN auf hochwertige Kalkprodukte, welche als Zusatzstoffe in der Kunststoff-, Lebensmittel- und Pharmaindustrie und als Pflanzenschutzmittel zur Anwendung kommen, investierte die KFN im Jahre 2012 rund eine Million Franken für die Umrüstung des grossen Kalkofens auf den Brennstoff Erdgas. Dadurch konnten bei diesem Ofen zirka 5500 Tonnen Heizöl durch Erdgas ersetzt werden.

 

 

Planungssicherheit für die nächsten 54 Jahre

 

Einhundertundsiebzehn Jahre und knapp fünf Generationen ist mittlerweile die Geschichte der Kalkfabrik Netstal AG schon alt. Die Spuren der Zeit haben nicht nur an den Betriebsanlagen und im Unternehmen genagt, sondern auch am Berg am Elggis. Die "Chalchi“ hat sich dabei vor allem in letzter Zeit in Spezialgebieten für

sehr reinen Kalk entwickelt. Die bestehende Abbauzone am Berg neigt sich langsam aber sicher dem Ende entgegen. Mit der normalen Abbaumenge pro Jahr hätte man nur noch zirka acht Jahre das nötige Material fördern können. Im November/Dezember 2015 fand die öffentliche Planauflage für eine neue Abbauzone statt. In der Folge stimmte der Souverän an der Herbstgemeindeversammlung 2016 dem Abbauprojekt der Kalkfabrik Netstal mit grosser Stimmenmehrheit zu und sicherte dem Unternehmen Abbaumöglichkeiten für weitere fünfzig Jahre.

 

Quellenangabe:

firmeninterne Broschüre

Thürers "Geschichte der Gemeinde Netstal“.

die Fotos stammen aus dem Archiv der Kalkfabrik.

 

Impressionen von der Kalkfabrik Netstal 

fotografiert von Hans Speck im November 2016

 

Für grössere Bilder X in der Mitte anklicken.

 

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