Jubiläumsfest "100 Jahre Schule Netstal, 1938

Bericht von Lehrer Florian Riffel, bearbeitet von Hans Speck

 

Ergänzend zur Geschichte der Schule Netstal von Kurt Meyer folgt hier ein Bericht von den Jubiläumsfeierlichkeiten und vom Jugendfest im Rahmen des Jubiläums «100 Jahre Schule Netstal – 1838 bis 1938», verfasst von Lehrer Florian Riffel und publiziert in den «Glarner Nachrichten», Ausgabe Nr. 212, 1938

 

Schulhaus Netstal um 1900
Schulhaus Netstal um 1900

Donnerstag, 4. August 1938:

Am Donnerstag früh konnte sich der Schulrat endlich mit gutem Gewissen dazu entschliessen, die Abhaltung des mehrmals verschobenen Schulfestchens verkünden zu lassen. Der Unterricht wurde um neun Uhr abgebrochen, und mit erstaunlicher Behändigkeit entstand in der «Bärenhoschet» ein Festplatz mit Sprunganlagen, Schiessbahn, Kletterstangen, Bühne und Freilichtwirtschaft. Knapp nach dem Mittagessen fanden sich schon die ersten kostümierten Kinder auf dem Schulhausplatz ein, und je näher es auf 13 Uhr rückte, umso deutlicher nahm der werdende Festzug Gestalt an. Das laute fröhliche Gewimmel erfuhr zwar während kurzer Zeit eine spürbare Dämpfung, als sich die Abordnung der Schule mit dem Gedächtniskranz für Herrn Alfred Stöckli-Kubli selig auf den Friedhof begab. Dann aber trat die Jugendfreude bald wieder voll in ihr Recht. Angeführt von der Harmoniemusik Netstal setzte sich der lange Festzug pünktlich in Bewegung. Zwischen den dichtgedrängten Zuschauerscharen hindurch, vorbei an den beflaggten öffentlichen Gebäuden und unter dem Kreuzfeuer verschiedener Fotografen marschierte man die Hauptstrasse hinauf. Der abwechslungsreiche, farbenprächtige Umzug wurde allgemein belobt und bewundert. Gleich hinter den Musikanten schritten würdig die Herren Schulräte einher. Ihnen folgten die Kinder der Unterstufe, zu Fuss wie auf Wagen und Wägelchen, alle mit viel Liebe und wenig Aufwand geschickt kostümiert. Die Gruppe «Schultheater» zog mit Siegfried, Krimhilde und den Nibelungenkönigen vorbei; Rotkäppchen, Wolf, Grossmutter und Jäger marschierten einträchtig hintendrein. Die Gruppen der Trottinettfahrer, Rollschuhläufer und Skisportler stellten die gesunden Freizeitbeschäftigungen der heutigen Jugend recht eindrücklich dar; ihre Sportgeräte waren alle hübsch geschmückt. Wie hoch die Handharmonika vom kleinsten Schwyzerörgeli bis zum Konzertinstrument mit Klaviertasten bei der heutigen Jugend im Kurs steht, bezeugte die fröhliche Schar junger Musikanten. Wilhelm Tell schritt mit seinem Sohn Walter stolz hinter der Schweizer Fahne daher, und eine liebliche Trachtengruppe warb für unser ältestes und bekanntestes Glarner Erzeugnis, den Schabzieger und teilte Kostproben aus. Dass unsere Schule nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch die praktischen Fähigkeiten anzuregen versucht, bezeugten die Gruppen Nähschule, Strickschule, Schulgarten, Kochschule, Vermessungstechniker usw, die in entsprechender Aufmachung vor den begeisterten Zuschauern aufmarschierten.

 

Das Wetter war überaus günstig, ja die Sonne strengte sich an, etwas vom lange Versäumten nachzuholen, und da manches Kind in der Eile das Mittagessen übersprungen hatte, fiel man nun, als der Umzug auf der Festwiese anlangte, recht gierig über die dargebotenen Erfrischungen her. Hierauf entwickelte sich auf den einzelnen Spielfeldern emsige Tätigkeit. Bei den Armbrustschützen, bei den Staffettenläufern und um die Kletterstangen bildeten die interessierten Väter und Mütter bald einen dichten Ring. Das Schulfestchen erweiterte sich zum Volksfest, und der Wirt musste sich um weitere Bestuhlung umtun. Auf der Bühne konzertierte die Harmoniemusik Netstal, und man stellte mit Freude fest, dass sich die wackeren Musikanten recht flott vorwärtsgearbeitet haben! Zeitweise mussten sie zwar ihren Platz den einzelnen Klassen freigeben; denn fast jede wartete mit einer gesanglichen oder turnerischen Darbietung auf.

 

Ehe die zweite Verpflegung ausgeteilt wurde, trat Herr Pfarrer Thürer ans Rednerpult, um als stellvertretender Schulpräsident die Festgemeinde zu begrüssen und um den Kindern vor allem die Bedeutung und Berechtigung der frohen Feier zu erläutern. In kurzen markanten Strichen skizzierte er die Geschichte des ehrwürdigen Schulhauses, zu welchem man vor hundert Jahren den Grundstein gelegt hat, und das damals als eines der schönsten im ganzen Kanton galt. Als unsere Vorfahren das grosse Wagnis auf sich nahmen, waren die Schäden, welche die Plünderungen der Franzosen, Russen und Österreicher dem Lande geschlagen hatten, noch kaum überwunden. Den Mut, die Zuversicht und die Opferwilligkeit unserer Vorfahren können wir nicht genug bewundern. Der Bau dieses Schulhauses war ein Markstein in der Geschichte der Schule und der Gemeinde Netstal. Mit ihm begannen sich die unerfreulichen Schulverhältnisse endgültig zu bessern. Leute wie Herr Pfarrer Georg Heussi, wie die Mitglieder des Glarnerischen Schulvereins haben hierfür Grosses geleistet. Herr Pfarrer Thürer schloss mit dem Wunsche, es möge die Jugend in unserer Schule auch weiterhin in der Liebe zur Heimat, in der Treue zum Vaterland und seinem überlieferten Geiste sowie in der Ehrfurcht vor dem Göttlichen und im Vertrauen auf den allmächtigen Lenker unserer Geschichte erzogen werden. Diese Worte fanden starken, dankbaren Beifall.

 

Dass die Kinder auch der zweiten Verköstigung eifrig zusprachen, und dass sie sodann bei neuen Spielen und Darbietungen sogar noch für eine dritte Bewirtung Platz zu schaffen wussten, müssen wir nicht doppelt unterstreichen. Zu guter Letzt durften alle, Klasse um Klasse, ins Schulhaus marschieren, wo die Preisverteilung durchgeführt wurde, eine Preisverteilung auf demokratischer Grundlage, so dass auch dem Jüngsten und Schwächsten ein hübsches Päcklein verblieb. Der Schulbehörde sei hier im Namen aller Beschenkten herzlich gedankt!

 

Es dunkelte bereits, als man die Bühne für ein paar Tänzchen freimachte, und nur zu bald wurde das Ende des vergnüglichen Festes geblasen. Die junge Welt kehrte langsam unters häusliche Dach zurück, die älteren Jahrgänge versammelten sich um 20 Uhr im «Bären» zu einem vorzüglichen Jubiläumsnachtessen. Hier begrüsste Herr Pfarrer Thürer namens des Schulrates die Vertreter der verschiedenen Behörden in der Gemeinde, Herrn Gabriel Spälty-Bally als ehemaligen langjährigen Schulpräsidenten von Netstal und kantonalen Erziehungsdirektor, die Herren Schulräte sowie die Lehrerschaft, Damen und Herren. Im Laufe des Abends widmete der Vorsitzende dem in den Sommerferien verstorbene Schulpräsidenten freundschaftliche ehrenden Worte. Er gab ferner eingehenden Bericht über die Geschichte der Schule Netstal, wobei er aus dem reichen Schatze des historischen Wissens und seiner Verbundenheit mit unserer Gemeinde und dem Lande Glarus schöpfen konnte. Im Auftrage des Gemeinderates und des Herrn Gemeindepräsidenten richtete Herr Gabriel Weber-Stöckli ein kurzes träfes Wort an die festliche Tafelrunde. Herr Jost Spälty-Weber übermittelte Dank und Gruss des Evangelischen Kirchenrates, und Herr Pfarrer Josef Barmettler wies auf das gute Einvernehmen zwischen unserer paritätischen Schule und dem Katholischen Pfarramt hin. Herr Lehrer Heinrich Michel erstatte den Dank der Lehrerschaft. Zuletzt zeichnete Herr Dr. Brauchli die Richtlinien vor, auf denen sich in den nächsten Jahren die Weiterentwicklung unseres Schulwesens bewegen dürfte. Noch mehr als bisher wird die Schule nämlich den Menschen in seiner Gesamtheit zu fördern suchen, sie wird Verstand und Gemüt, intellektuelle und handwerkliche Fertigkeiten, Seele und Körper in harmonischen Verhältnissen zueinander auszubilden trachten und wird immer weniger «Nur-Wissensschule» sein. Als erfahrener Schulpraktiker wies er sodann auf die grosse Arbeit hin, die in den hundert Jahren, welche das gefeierte Schulgebäude nun schon besteht, darin von so manchem Lehrer geleistet wurde. Herr Dr. Brauchli fand auch ein freundliches Wort für die Ausdauer und den Lernwillen der Kinder, der früheren wie der heutigen, die uns, trotz aller Nörgeler und Kritiker, zu den besten Einvernehmen berechtigen. Der ganze Abend lief im besten Einvernehmen und in festlicher Stimmung. Der Schulrat empfange für alles Gebotene den aufrichtigen Dank seiner Gäste!

Lehrer Florian Riffel

 

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