Der starke Leuzinger - Heldenepos oder wahre Geschichte?

Stärkster Netstaler versohlt stärkstem Appenzeller den Hintern

von Hans Speck

Man hat über den starken Netstaler namens Fridolin Leuzinger schon etliche Geschichten gehört. Ob die alle so stimmen, wie sie noch heute erzählt oder geschrieben werden, ist eher zu hinterfragen. Trotzdem sind wir Netschteler, sollte sich die nachfolgende Geschichte tatsächlich je einmal zugetragen haben, ausserordentlich stolz, einmal den stärksten Einwohner, ja sogar stärksten Glarner in unseren Reihen gewusst zu haben. Die Geschichte des starken Leuzingers inspirierte sogar den weltbekannten, renommierten italienischen Bildhauer, Maler und Plastiker Arnold d’Altri, dies im Auftrage der Gemeindebehörde, für die Bevölkerung eine Bronzeplastik zu schaffen, die an den „Starken Leuzinger“ erinnern soll. Der Brunnen samt dem starken Leuzinger sollte für Jung und Alt gut ersichtlich beim Eingang zum Schwimmbad auf der Ostseite zu stehen kommen. Viele Jahre konnte man diesen dort bestaunen und gar mancher auswärtige Besucher unserer schönen Badi wird sich gefragt haben, was es denn mit dem muskulösen Gesellen auf dem Brunnen auf sich habe, der gerade drauf und dran war, einen Menschen auf seinen Armen wegzuschmeissen. Im Rahmen einer umfassenden Schwimmbadsanierung wurde der Brunnen samt Plastik in das Innere des Schwimmbades versetzt. Heute ist das Kunstwerk gleich beim Eingang zwischen den zwei Bassins zu bestaunen.

 

Nun will ich den geneigten Leser nicht weiter auf die Folter spannen. Geniessen Sie die nachfolgende Erzählung und erzählen Sie diese Ihren Kindern weiter. Ob sie wahr ist oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle! Lehrreich ist sie bestimmt! Der Text wurde mir in verdankenswerterweise von unserem ehemaligen Landammann, Regierungsrat und Gemeindepräsidenten Fritz Weber-Worin zugestellt. Herzlichen Dank an dieser Stelle, lieber Fritz! Die Geschichte über den starken Leuzinger wurde dem Bündner-Kalender aus dem Jahre 1847 entnommen.

 

Kräfte sinnvoll einsetzen!

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts lebte in dem Dörflein Netstal ein wohlhabender Senn und Käsehändler namens Fridli Leuzinger. Man nannte ihn nur den "starken Leuzinger“ und er verdiente diesen Namen in vollem Masse. Denn kaum hatte seit dem berühmten Ribing Tschudi, der mit einer ausgerissenen Tanne die "Rotte des Teufels von Seedorf“ in schimpfliche Flucht jagte, das Glarner Volk je eine kräftigeren und handlicheren Gesellen gehabt als den starken Leuzinger. Dabei war der Mann sanft wie ein Kind, und erhob sich seiner überlegenen Stärke so wenig, dass er dem, der ihn nicht kannte, eher schüchtern und furchtsam als kraftvoll und mutig vorkam. Sah man aber den starken Leuzinger einen beladenen Heuwagen, der die Strasse versperrte, mit der grössten Gelassenheit über Bord in die Matte stellen oder einen wildgewordenen Wucherstier, der das Leben harmloser Menschen bedrohte, kaltblütig bei den Hörnern fassen und mit einem Ruck fällen und würgen, dass das gewaltige Tier laut aufstöhnte unter der gewaltigen Faust, dann bekam man eine andere Meinung von dem Mann und staunte die ruhige, friedliche Seele nur umso respektvoller an.

 

Wer ist der Stärkere?

Obgleich, wie gesagt, der starke Leuzinger die Bescheidenheit in Person war und von seiner Stärke keinen anderen Gebrauch machte als in nützlicher Arbeit für sich und andere, so drang doch sein Ruf in die Schweiz und kam unter andern auch einem Appenzeller zu Ohren, den in seinem Ländchen keiner zu "paschgen“ vermochte. In Inner- und Ausserrhoden hatte er ausbreiten lassen, er sei der Stärkste und wer‘s nicht glaube, möge sich an einem beliebigen Sonntag auf dem Landsgemeindeplatz mit ihm messen. Aber niemand wagte sich mehr an ihn, und so blieb ihm das unbestrittene Recht, sich für den stärksten Mann in den beiden Rhoden zu halten. Die Kunde vom starken Leuzinger wurmte den starken Ueli. „Mich nimmt doch wunder“, liess er sich in der Schenke vernehmen, „wie das Zigermanndli sich in einem Ringet mit mir herumbeissen würde. Hab’ noch nicht vernommen, dass im Glarner Raths-Protokoll ein Beschluss steht, der ihm wie mir verbietet, jemandem eine "Waffle“ (Ohrfeige) zugeben, weil er irgendwo, wie ich in der Metzg zu St. Gallen, einen Vollstier mit einem einzigen Faustschlag zu Boden gestreckt, oder einen Hengst in vollem Sprunge zurückgehalten habe, wie ich in Hundwil vor dem Wirtshause. Mit dem möchte ich fürs Leben gern anbinden!“ So hörte man in der Schenke den starken Appenzeller-Ueli sagen, und man merkte, dass es ihm Ernst war, denn er zog wild die Brauen zusammen und schlug dabei auf den eichenen Tisch, dass die zinnernen Kannen einen Appenzeller tanzten und die eisernen Knödli des Gewaltsmenschen tiefe Spuren im Holz zurückliessen. Da stand der Ueli auf und sagte: „Ich will wissen, woran ich bin! Morgen in der Frühe reise ich gen Nettstall. Der Leuzinger muss einen Hosenlupf mit mir machen!“

 

Die Begegnung

Was der Ueli sich einmal vorgenommen, führte er auch aus. Am Abend des folgenden Tages, als in Nettstall die Vesperglocke läutete, schritt er schon rüstig über den Löntschsteg und wie er vor dem ersten Stadel herauskommt, sieht er einen grossen Mann mit einer Brente auf dem Rücken daher schlendern. Der Lange pfeift auf einem Baumblatt die Melodie “Nun ruhen alle Wälder“ und will geruhig beim Ueli vorbei. Dieser aber stellt ihn, grüsst ihn und fragt auf das Dorf deutend: „Säb ischt Nettstall?“ Der Gefragte nickte. „Khöscht, häsch gad kä Gosche? Wänn näbis Derigs häsch, so säg me doch, ob da Gottsdonne de starch Löziger dehäme isch!“ Der andere bemerkte nun den unwirschen und heftigen Appenzeller. Es gebe in Nettstall der Leuzinger mehrere, er kenne aber keinen, der sich einer absonderlichen Stärke rühme. „Du wäschtt du bim Tüfel nöd, ob du Jokeb oder Chaspeli hässescht, wenn d de stach Löziger nöd bekannt isch“, ruft ärgerlich der kampflustige Appenzeller und erzählt nun dem andern alles, was er vom "stachä Löziger“ gehört und weshalb er express ins Ländli gekommen sei. Der Brennten-Mann lächelte still vergnügt in sich hinein und entgegnete nach einer Weile, er wisse jetzt wohl, wen der Appenzeller meine. Der Gesuchte sei kein anderer als sein leiblicher Bruder und befinde sich wirklich daheim im Dorf. „Na, dä will i gad züenem.“ Immer lächelnd erwiderte der andere: „Das hätt kä Pressant. Chumm, guete Fründ, mach zescht e Hoselupf mit mir! Wännd mi mögsch, dä chasch es bi mim Brüeder probiere. Ich bi nüd viel schwächer als er!“ „Isch mir o Rächt“, rief der Appenzeller, legte Mütze, Wams und Tabakpfeiflein beiseite, spuckte in die Hände, stellte sich zweg und fragte: „Bischt grüschtet?“ „Du pressiersch ja grüsig“, meinte der andere, indem er sich langsam und bequem seiner Brente entlud, mit aller Ruhe seinen Blaukittel auszog und seine Halsbinde losnestelte. „Ich ha immer gfundä“, fuhr er, die Hemdärmel säuberlich zurücklitzend und ein seine Gewaltsarme zeigend, „dass Uugeduld ä schädlichs Chrütli isch und dr Langsami und Bedächtigi meischtens eher zum Ziel chunnt al dr Haschtig und Heftigi!“ Das werde sich zeigen, wenn er einmal fertig sei, meinte der Ueli. Der Schelm lasse sich auch Zeit auf dem Weg zu Stock und Galgen. „Nu, nu, ich bi jetzt fix und fertig“, donnerte plötzlich der Netschteler und schnellte wie ein Gamstier vor den Ueli hin, blieb dann aber steif, wie aus Erz gegossen, stehen und mahnte „So griif jetz aa, Appizäller, aber nullkomaplötzli!“

 

Der einseitige Kampf

Der Appenzeller liess sich das nicht zweimal sagen. Mit einem wütenden Ansturm fuhr er auf den Gegner los, der keinen Wank tat und sich damit begnügte, den Widerpart fest an sich zu drücken. Wie eine Zange zogen die sehnigen Arme zu und zu, und wie kräftig und aller Ehren wert auch Uelis Bestrebungen waren, sich loszuwinden und den Netschteler zu Fall zu bringen, sie waren alle vergeblich. Plötzlich, nachdem des Appenzellers Atem bereits heiss und bang geworden war, machte der andere eine Bewegung, schleuderte den starken Ueli mit grosser Gewalt auf den Boden und hielt ihn dort regelrecht fest. „Bisch jetz z‘fride, Appizäller?“ „Lass mi uuf!“, schrie der Appenzeller mit Schaum vor dem Munde. „Dein Willle geschehe“, lächelte der Netschteler und liess ihn los. „Du häsch mi übervorteilt“, brüllte der Ueli zähneknirschend und bodenstampfend, „wehr di!“ Damit rannte er mit geschwungener Faust auf den Netschteler los. Dieser aber fasste ihn wie der Blitz oben beim Kragen und unten bei den Lederhosen und stürzte ihn – krack – der Länge nach auf den Wasen, so dass Uelis Rücken gen Himmel, die Nase in die Unterwelt sah. Auf die Lederhösli aber, gerade da, wo sie am gespanntesten waren, hagelte es jetzt klatschende Tätsche, als gedächte der Netschteler, den Hinterteil des Appenzellers zu einem Beefsteak zuzurichten, welches sonst bekanntlich nicht ein Lieblingsessen der Ziger- und Griffelmannen, sondern der Engländer ist, und dazu aus geklopftem Rindfleisch besteht. Dazwischen liess es der Netschteler weder an Erläuterungen noch an Ermahnungen fehlen, als da sind: „Wenn du wunderst, wer ich bin: Gut, ich bin der starke Leuzinger selber, habe mich aber nie so genannt, weil ich’s für eine Eselei halte, mich der Stärkste zu rühmen, die eine Gabe Gottes ist. Geh jetzt heim und erzähle, wie du hier deinen Meister gefunden hast, du Tropf. Geh heim und brauch deine Arme und Fäuste zu nützlicher Arbeit und nicht zu Narrenwerk.

 

Die schmerzliche Lehre

Dies und anderes führte dem starken Ueli der stärkere Leuzinger zu Gemüte, während er ihn abschmierte. Und wahrlich, die Züchtigung war umso schmerzlicher, da die Form derselben dem starken, stolzen Ueli einem Schulbuben gleichstellte, dem der Schulmeister eine praktische und theoretische Zurechtweisung gibt. Als der Netschteler aufstand und seinen Kittel wieder anzog, blieb der Ueli auf dem Boden liegen und versteckte sein Gesicht im tiefen Gras. Ja, der starke Leuzinger glaubte ihn sogar leise schluchzen zu hören. Still liess er ihn gewähren, schlüpfte geräuschlos in die Tragweiden seiner Brennte und verliess leisen Schrittes den Kampfplatz. Kaum war er hinter dem Stadel verschwunden, erhob sich auch der geschlagene Appenzeller. Die sinkende Sonne glitzerte in zwei grosse Tränen, gewiss den ersten, welche der Ueli seit seinen Bubenjahren vergoss. Ungestüm fuhr er in seinen Wams und eilte dann mit grossen Bergschritten des Weges zurück, den er gekommen war. Vom starken Leuzinger vernahm keine Seele, wie er am Löntsch den hochmütigen und streitsüchtigen Appenzeller abgefertigt habe. Dieser schwieg auch wohlweislich, bis er als schwacher, zitternder Greis, den törichten Ehrgeiz an das edle Streben vertauscht hatte, seinen Enkeln gute Lehren zu geben. Im Kreis junger, rüstiger Buben, die sich gegenseitig an Lobhudelei der eigenen Körperstärke überboten, erzählte der Alte zu Lehre und Warnung der Jungen seinen alten Handel mit dem starken Netschteler.