Prominente Netstaler

Ludwig Hohl, 1904 - 1980, Schriftsteller

Einleitung von Hans Speck

In der Rubrik "Prominente Netstaler Mitbürgerinnen und Mitbürger" dürfen natürlich Leben und Werk von Schriftsteller Ludwig Hohl nicht fehlen. Die Gemeinde Netstal ist stolz auf ihren ehemaligen, prominenten Dorfbewohner, welcher sich vor allem im deutschen und französischen Sprachraum in Literaturkreisen einen grossen Namen gemacht hat. Der exzentrische Schriftsteller ist im damaligen reformierten Pfarrhaus, dem heutigen Restaurant Waage, an der Hauptstrasse geboren und aufgewachsen. Als Geburtshelferin bei seiner Geburt amtete die in Glarus wohnhafte Dorfhebamme Elmer-Hoesli, welche ihn nebst vielen anderen noch heute lebende Netstalerinnen und Netstaler auf die Welt brachte. Den entsprechenden Eintrag (s. Foto) findet man im Geburtsbuch von Hebamme Elmer.

 

 

 

Ludwig Hohl - Leben als Legende

Von der Stiftung Ludwig Hohl bewilligte Textwiedergabe   Quelle: www.ludwighohl.ch

 

Ludwig Hohls Leben wurde zur Legende, noch bevor es zu Ende gelebt war. Hohls zu lesende Werke wurden und werden immer noch von sagenhaften Skandalen und skurrilen Gerüchten um seine eigenwillige Existenzweise überschattet. Wer in den 60er-Jahren gebildet erscheinen wollte, hatte Ludwig Hohl, das verkannte Genie in Genf, zu kennen – oder glaubte zumindest, ihn zu kennen; zu lesen brauchte er ihn nicht. Das ist, wie es scheint, auch heute noch so, wo man Hohl dem Namen nach in literarischen Kreisen noch kennt, während seine Werke wegen fehlendem Absatz gegenwärtig vergriffen sind.

 

Familie Hohl-Zweifel
Familie Hohl-Zweifel

Jugendjahre in der Schweiz

Ludwig Hohl kam am 9. April 1904 im evangelisch reformierten Pfarrhaus an der Kreuzung Landstrasse-Kreuzbühlstrasse als Sohn des reformierten Pfarrers Arnold Hohl (1868-1960) und der Magdalena Zweifel (1882-1974), die aus lokalen Industriellenkreisen stammte, am Fusse des Wiggis zur Welt. Von Netstal zog der sechsjährige Hohl, der als Kind in einer engen Beziehung zur Grossmutter mütterlicherseits gelebt hatte, mit Vater, Mutter und einer Schwester in den Kanton Thurgau, zuerst nach Sirnach und dann nach Münchwilen. Dort besuchte er das Gymnasium in Frauenfeld. Aus jener Zeit datieren ein "Jugendtagebuch“ (1921-1922) und der Beginn zweier "Bergtourenhefte" (1922-1929). Sein vorzeitiger Abgang von der Schule – der notabene nicht, wie immer wieder irrtümlicherweise behauptet wurde, durch die Schulleitung erzwungen wurde – leitete die alles entscheidenden Veränderungen in seinem Leben ein. Er brach mit dem pfarrherrlichen Elternhaus in Netstal, verliess es für immer und widmete sich in Zürich dem Selbststudium. Hohl verliess nach nicht bestandenem Abitur das Land und zog, kaum 20jährig, mit seiner damaligen Freundin Gertrud Luder (1906-1946) nach Paris, um Schriftsteller zu werden.

 

 

 

 

 

 

 

Ehemaliges Pfarrhaus (heute Rest. Waage), Elternhaus von Ludwig Hohl.

 

Schriftsteller im Exil – Paris, Wien, Den Haag

Wie ernst es ihm mit diesem Vorsatz war, beweist allein schon der Umstand, dass er von 1924 bis 1930 in Frankreich blieb und diese Jahre später als die wichtigste Zeit für seine geistige Entwicklung ansah. 1925 erfolgte die erste Publikation aus eigener Hand, ein schmales, selbst verlegtes Bändchen "Gedichte“, dessen Inhalt er später mehrheitlich verwarf. Hohl hielt sich in Frankreich vor allem in der Metropole und in der Banlieue von Montrouge und Malakoff auf, aber auch in Marseille und Umgebung, in Le Bourg d'Oisance bei Grenoble oder Annecy in Hochsavoyen. Er verfasste "Epische Schriften" (1926-1937), eine Mischform zwischen Autobiographie und Erzählung und schrieb eine Reihe von Novellen, Chroniken, Berichten, Aufsätzen und Versuchen, wie er es nannte. Im Dauphiné (französisches Zentralmassiv) ging er seiner grossen Passion, dem Bergsteigen, nach und vollbrachte ausserordentliche Leistungen im Alleingang. Im Verlauf der Beschäftigung mit den "Epischen Schriften" stiess er auf die Form des ihm angemessenen Schreibens – die "Notiz“.

 Nach Aufenthalten in Wien und in Grein an der Donau, zwischendurch auch in der gemiedenen Schweiz, siedelte er im Jahr 1931 aus vorwiegend ökonomisch-praktischen Gründen nach Holland über und liess sich für sieben Jahre in Den Haag nieder. In Wien hatte er seine erste Frau kennen gelernt, Charlotte von Mayenburg, die ihm auch nach der Scheidung lebenslang verbunden blieb (verheiratet von 1935 -1945). Mit Ludwig Hohl auf Dauer zusammenzuleben gelang keiner der fünf Frauen, mit denen er verheiratet war: Hanny Fries (1946 - 1947), Heidi Antoine (1948 - 1951, eine Tochter), Erna Tschanz (1963-1970) und Madelaine Constançon-de Weiss (1980). Auch das Werk des österreichischen Schriftstellers Karl Kraus, den Hohl später zu den Allergrössten zählen sollte, hatte er in seiner Wiener Zeit schon kennen gelernt. Zunächst wurden für ihn aber noch einmal einige der grossen Geister wegweisend, die er bereits als Kantonsschüler sehr verehrt hatte, wie Nietzsche, Goethe, Kleist, Spinoza. Unter den bildenden Künstlern bewunderte Hohl die Maler Cézanne, van Gogh und Max Gubler. Auch die klassische Musik hatte einen festen, fast heiligen Platz in seinem Leben. Von Wien reiste Hohl weiter nach Den Haag, wo er sein bisheriges, vergebliches Festhalten an seinem grossen Romanprojekt "Mitternachtsgesellschaft" aufgab und für sich eine neue Form erfand.

  

Die grosse Eruption

Trotz extremer materieller Not und "geistiger Einöde" entstand in Holland in den Jahren 1934-1936 die handschriftliche Fassung auf Tausenden von Zetteln von Hohls umfangreichstem Werk "Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung“, das seinen Ruf begründet hat. Nicht wegzudenken für die einen, ignoriert oder abgelehnt von den anderen. Wie zur Einführung gehen den Notizen "Nuancen und Details“ voraus. Nach den Notizen schrieb Hohl an "Nachnotizen", aus denen in den 50er bis 70er-Jahren das nie vollendete zweite grosse Werk "Von den hereinbrechenden Rändern“ hervorging. In Rohfassungen lag Hohls Werk also eigentlich schon früh vor. Der Autor überarbeitete es aber vom Ende der 30er-Jahre an in den einzelnen Teilen bis zu seinem Lebensende. In Hohls Leben lassen sich grob drei Schaffensperioden unterscheiden: Die 30er- und frühen 40er-Jahre mit "Nuancen und Details", "Nächtlicher Weg" und "Die Notizen"; dann eine kurze Zeitspanne in den 50er-Jahren mit so genannten Nachnotizen unter dem Titel "Von den hereinbrechenden Rändern“ sowie zuletzt die Jahre 1971-1975 mit neueren Anläufen zu "Von den hereinbrechenden Rändern“ und der Publikation der endgültigen Fassung von "Bergfahrt“, deren Ursprünge bis in die "Epischen Grundschriften" zurückverfolgt werden können.

 

Schriftstellerexistenz in Genf

Im März 1937 verliess Ludwig Hohl, von Gläubigern geplagt, Den Haag und liess sich nach einem Abstecher nach Paris in Genf nieder, wo er an seinen Werken im Hinblick auf eine Veröffentlichung arbeitete. Eine abwägende und berichtigende Tätigkeit, die er ein Leben lang ausübte. Er blieb bis zu seinem Tod in dieser frankophonen Stadt am Rande der Schweiz. Zuerst publizierte er in Zeitungen und Zeitschriften, was sein einziges eigenes Einkommen darstellte. Um seine Existenz bestreiten zu können, war Hohl auf private wie öffentliche, materielle Unterstützung von aussen angewiesen. Ludwig Hohl verbrachte nach mehrmaligen Wohnwechseln in der Rhonestadt einundzwanzig Jahre seines Lebens, von 1954 bis 1975, in einem Kellergemach an der Rue David Dufour 4. Nicht zuletzt deshalb geriet er in den Ruf eines Sonderlings und Einzelgängers, dem Trunke und der Polemik ergeben, an einem rational, ethisch und melancholisch ausgerichteten Werk arbeitend, das eine breite Leserschaft nie erreichen konnte. Geplagt zwar von Ausnahmezuständen war er in seiner Existenz durch nichts aufzuhalten und durch nichts zu beirren. Hohls Lebenswille war wahrscheinlich derjenige zu maximaler Authentizität; sein grösster Glaube war der an die Vernunft. Diese beiden Stützen machten ein Einzelgängerdasein möglich.

 

Leben im Keller des Schriftstellers

Der Tag, beziehungsweise die Nacht im Keller für Hohl sah folgendermassen aus: Ein paar Stunden Nachtruhe, dann zur Entgiftung von Alkohol grosse Mengen kalter Milch, Körperübungen und –pflege. Schreiben bei Kerzenlicht in einer Verfassung zwischen Trunkenheit und Nüchternheit, Studium, Kontemplation. Gegen Mittag eine Mahlzeit, zweiter Schlaf, anschliessend Gänge, Besuche und vieles mehr. Am Abend Lektüre, Trinken, Besucher und Besucherinnen, Telefonate, Kneipen, manchmal Kino. Dritte Tagesmahlzeit um Mitternacht, anschliessend ein paar Stunden Schlaf. Sein kompromissloses, intensives, auf wenige Menschen ausgerichtetes Privatleben und sein Schreiben ausserhalb von Gesellschaft und Zeitgeschehen wussten vor allem seine Freunde zu schätzen. Als einer der Ersten Albin Zollinger, dann Konrad Bänninger, Paul A. Brenner, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Gilbert Troillet, der Musiker Rolf Looser oder der Bildhauer Hans Aeschbacher, die Philosophen Hans Saner und Hans Geyer und in den letzten Jahren Adolf Muschg, welcher Ludwig Hohl bei Suhrkamp einführte, Peter Handke, Elias Canetti sowie der Verleger Siegfried Unseld.

 

Späte Anerkennung

Hohl trat auch an die Öffentlichkeit. Anfangs pflegte er in Genf eine Vortragstätigkeit in kleinem Kreise, später wurden Lesungen veranstaltet, bei denen er in verschiedenen Schweizer Städten zu hören war. Er war Mitbegründer der Schweizer Autoren Gruppe Olten, zuvor lange Mitglied des Schweizerischen Schriftsteller-Vereins (SSV), welcher ihn über eine Werkbeleihungs-Kasse finanziell unterstützte. Breitere Anerkennung stellte sich spät ein. Ende der 60er-Jahre, nachdem es um den "grossen Unbekannten", wie er von der Kritik auch bezeichnet wurde, fast völlig still geworden war, tauchte Hohl aus der Vergessenheit etwas auf, als nämlich die Genfer Literaturzeitschrift "La Revue de Belles-Lettres" ein Heft über ihn herausgab. Ein paar Jahre früher hatte Alexander J. Seiler in der Basler National Zeitung über Hohl geschrieben und ihn für die deutschsprachige Schweiz ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurückgeholt. Im Jahre 1971 wurde Ludwig Hohl "Suhrkamp-Autor“ und von da an verbesserte sich seine Lage. Zudem war er durch eine Familienerbschaft endgültig frei von materiellen Sorgen, von denen er so lange geplagt gewesen war.

Ludwig Hohl erhielt im Jahre 1965 den Preis des Lions Clubs Basel, zweimal den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung in den Jahren 1970 und 1976, 1978 den einmalig verliehenen Robert-Walser-Centenar-Preis und im Todesjahr den Petrarca-Preis.

 

Die letzten Jahre

Bei Renovationsarbeiten im Haus, deretwegen Hohl aus dem Keller in ein Provisorium im Erdgeschoss umgesiedelt worden war, wurde ein Teil seines Nachlasses vernichtet. Die letzten Lebensjahre waren überschattet von Alter und Krankheit. Am 3. November 1980 erlag Ludwig Hohl im Alter von 76 Jahren einem Beinleiden, wenige Monate vor dem Erscheinen der "Notizen" in einem einzigen Band. Sein Grab befindet sich auf dem Genfer Prominenten-Friedhof Plainpalais. An seiner Seite ruht Madeleine Hohl - de Weiss (1916-1994). Der Schweizer Dokumentarfilmer Alexander J. Seiler hat ihm mit "Ludwig Hohl - Ein Film in Fragmenten " im Jahre 1982 ein Denkmal gesetzt. Zum 100. Geburtstag von Ludwig Hohl hat das Schweizer Fernsehen dem Autor eine "Sternstunde Kunst" gewidmet und in der Landesbibliothek in Glarus wurde eine mehrwöchige Ausstellung zu Ehren des Netstaler Schriftstellers eröffnet.

 


Ludwig-Hohl-Stiftung 

Die Ludwig-Hohl-Stiftung hält die Urheberrechte am gesamten Nachlass und allen veröffentlichten Schriften. Die Stiftung wurde im Jahre 1985 auf Initiative von Frau Madeleine de Weiss-Hohl mit Sitz in Zürich gegründet. Als nichtkommerzielle Stiftung sollte sie sich vor allem für die Veröffentlichung der Werke und Briefe Ludwig Hohls einsetzen, Zeugnisse sammeln, die zu dessen Nachlass gehören sowie Studien über diesen Autor fördern.

 

Zweck

Die Stiftung hat zum Zweck:

a)  die wissenschaftlichen und editionstechnischen Vorarbeiten für eine Herausgabe des Nachlasses und des Briefwechsels von Ludwig Hohl zu ermöglichen.

b)  eine Edition der gesammelten Werke und einzelner Schriften einschliesslich des Nachlasses und der Korrespondenz zu fördern.

c)  die Veröffentlichung von Studien zu fördern, die sich mit Werk und Leben von Ludwig Hohl befassen.

d)  auf die Bedeutung des Werks von Ludwig Hohl in der Öffentlichkeit hinzuweisen.

    

Die Stiftung verfolgt keine kommerziellen Zwecke und erstrebt keinen Gewinn an

(Aus den Statuten der Ludwig-Hohl-Stiftung, §2)

 

Kontakt

Ludwig-Hohl-Stiftung
c/o RA Thomas Reimann
Legis Rechtsanwälte AG
Forchstrasse 2
8008 Zürich

stiftung@ludwighohl.ch

www.ludwighohl.ch