Florian Riffel, Lehrer und Dichter

von Kurt Meyer

 

Wenn ich ab 1965 jeweils morgens vor sieben Uhr vom Bahnhof kommend im Lehrerzimmer des Schulhauses Netstal eintraf, war ich dort nicht der Erste. Auf einem der roten Polsterstühle sass bereits Florian, eine Zigarette zwischen die Lippen geklemmt und einen Füller in der Hand. Er schrieb immer auf sein Zigarettenpäcklein Stichwörter, die ihm gerade in den Sinn kamen. Diese konnte man dann in einer zusammenhängenden Geschichte in einem seiner Büchlein oder im "Glarner Volksblatt", bei dem er als Korrespondent mitarbeitete, lesen.

Oft wechselten wir ein paar Worte, und ich merkte bald: für Florian gab es kaum ein Thema, bei dem er nicht mitreden konnte. Ob über Goethe oder Hesse, über Fussball oder Kunstturnen, über Blumennamen oder Geografie, Florian wusste überall Bescheid und konnte auch komplizierte Zusammenhänge gut erklären. Neben seinem immensen Wissen beeindruckte mich auch sein Umgang mit den Kindern. Erst viele Jahre später merkte ich, was Florian zum guten Lehrer gemacht hatte. Er besass die wichtigste Eigenschaft eines Lehrers: Er hatte die Kinder gerne. Umgekehrt liebten die Kinder Florian auch und somit herrschte in seiner Schulstube ein gutes Lernklima, was für den Lernerfolg äusserst wichtig ist. Florian passte für die damalige Zeit nicht ins Klischee des Schulmeisters, der mit Zucht, Strenge, Strafen und Schlägen in seinem Zimmer regierte. Herzlichkeit, Humor und Wohlwollen dominierten bei ihm. Diese, heute würde man sagen, Kuschelpädagogik passte nicht allen, und gewisse Leute verbreiteten auch zu meiner Zeit noch Ansichten wie, beim Riffel lerne man nichts und nur die Dummen kämen zu ihm in die Klasse.

Florian wurde 1906 in Chur geboren und bekam nach dem Erwerb des Bündner Lehrerpatentes 1925 eine Anstellung an der Schule Netstal. Neben dem Unterrichten schrieb Florian Gedichte und Texte und schickte diese an Tageszeitungen und Zeitschriften. Den Redaktoren gefielen Florians Werke, und sie liessen sie abdrucken. 1933 bekam er sogar die Gelegenheit, in einer Radiosendung aus seinen Schriften vorzulesen. Seine Freude an der deutschen Sprache und seine Begabung deuteten darauf hin, dass Florian am Anfang einer schriftstellerischen Karriere stand. Seine Verehrung der grossen deutschen Dichterfürsten, über die er auch Vorträge hielt, brachte ihm in verschiedenen Kreisen den Ruf der

Nazifreundlichkeit ein. Immer häufiger wurden seine Beiträge von Redaktionen zurückgewiesen, und so blieb er zum Glück der Schule Netstal als Primarlehrer erhalten. Als er Anna Jacobi, eine gebürtige Deutsche, heiratete, wurde er auch in Netstal zusehends in die nationalsozialistische Ecke gedrängt. Da ich Florian recht gut kannte, muss ich diese Gerüchte als bösartige Unterstellungen abtun. Florian liess im neuen Bauquartier Matt ein Haus bauen, das er 1946 mit seiner Familie bezog. Leute in Vereinen und Firmen wussten von Florians Fähigkeit, für ihre Jubiläen, Geburtstage oder sonstige Anlässe humorvolle Texte in Versform zu schreiben. Meistens erfüllte er solche Begehren und soll weit über hundert Beiträge in Versform geschrieben haben. Durch diese Arbeit für die Öffentlichkeit nahm das Interesse der Medien an den Werken Florians zu und seine Gedichte und Erzählungen wurden wieder häufiger abgedruckt.

Zur Einweihung des neu erbauten Primarschulhauses in Netstal 1959 schrieb Riffel ein Festspiel, bei welchem die gesamte Lehrer- und Schülerschaft mitwirkte. Es wurde ein grosser Erfolg, und noch lange wurde von dieser Aufführung geschwärmt.

Florian wirkte auch in der Kantonalen Lehrmittelkommission mit. Einige seiner Gedichte und  Erzählungen konnten Schülerinnen und Schüler im Sprachbuch der fünften und sechsten Klasse lesen. 1976 kam das Büchlein "Florians Glarner Müsterli" in die Buchhandlungen und zwei Jahre erschien unter dem Titel "Zigermandlisalat" sein zweites Geschichtenbuch.

Bis zu seiner Pensionierung blieb er mit Leib und Seele Lehrer und schriebe weiter für alle möglichen Leute seine Verse. Er beherrschte als gebürtiger Bündner den Glarner Dialekt wie ein Einheimischer, manchmal drang der Bündner aber doch durch, wie er in einer Geschichte erzählt:

In einem meiner Lehrerjahre trafen zwei Lausbuben im Treppenhaus zusammen. Den einen hatte ich

vor die Türe gestellt; der andere kam aus der Sprechstunde beim Schularzt zurück. "Du", sagte der grössere, "hüt isch dr Florian emaal zümpftig verruggt woorde!" – "Hät er dr eis a Tschüder tätscht?", fragt der zweite. – "Nei, aber der Gmüetsmäntsch hät zeismal afuh "Khurer-Tütsch z`reeda…". Eines der gnädigsten Urteile, das jemals über mich gefällt wurden.

 

Kurz vor dem Erscheinen des zweiten Bändchens "Zigermandlisalat" starb 1978 der bei den Schülern, aber auch bei den Kollegen beliebte Florian Riffel.

 

Die Geschichte über das Wappen von Netstal in dieser Website unter der Rubrik "Dorf und Leute" stammt auch aus der Feder von Florian Riffel.

Mehr Details sind im Geschichtsbuch "Netstal – Ein Industriedorf im Wandel" von Susanne Peter-Kubli nachzulesen (Seite 335 bis 337).