Bajazzo - dr Maa mit dä Holzbödä

Von Hans Speck

 

Ich erinnere mich an einen Mann in Netstal, der mitten im Dorf in der Nähe einer Metzgerei wohnte und den Namen eines bekannten Netstaler Geschlechts besass. Sein Vorname war Jakob, doch war er, der schon vor vielen Jahren gestorben ist, besser bekannt unter dem Pseudonym «Bajazzo». So nennt man in Italien unter anderem auch einen Clown. Lustig war der Mann mit den «Holzbödä», die er vermutlich sogar noch im Bett trug, aber keineswegs. Ganz im Gegenteil. Ich mag mich erinnern, dass wir Kinder grossen Respekt, um nicht zu sagen eine Heidenangst vor ihm hatten. Kein Wunder, trug der Bajazzo doch eine Schuhnummer so um die 60 herum, was in Richtung Grösse der kleinsten Clown-Schuhnummer geht. Und schon haben wir die erste Verbindung zu seinem Übernamen «Bajazzo». Jakob war ein Hüne von Gestalt und hatte Hände so gross wie Schneeschaufeln. Er legte grossen Wert auf seinen Vornamen Jakob, den er am Schlusse immer noch mit den Zahlen 06 ergänzt haben wollte. Die zwei Zahlen 06 waren identisch mit seinem Jahrgang. Wenn jemand den ultimativen Forderungen von Bajazzo nicht nachkam, musste dieser oder diese sich Einiges anhören lassen. Mit seinen nicht druckreifen Kraftausdrücken hielt er sich weder bei Männern noch bei Frauen zurück. Jakob 06 – nicht zu verwechseln mit den ominösen Zahlen 007 von James Bond, Geheimagent mit der Lizenz zum Töten. Soweit sind wir aber bei Jakob 06 noch lange nicht.

 

So lustig war der Bajazzo gar nicht

Ich muss zugeben, dass die Angst, die ich vor dem Bajazzo hatte, ein Verdienst meiner lieben Schwester Käthy selig war. Sie erzählte mir immer wieder haarsträubende Geschichten über diesen Bajazzo mit seinen «Holzbödä». So soll er einmal einem jungen Burschen, der ihm im Vorbeifahren auf dem Velo «Bajazzo» nachrief, ein Beil nachgeworfen haben. Ein andermal habe er einem Schulkollegen meiner Schwester auf dem Heimweg von der Schule abgepasst und im Anschluss diesen so richtig vermöbelt. Ob all diese Geschichten der Wahrheit entsprechen – ich weiss es nicht. Tatsache ist, dass ich und viele meiner Freunde wirklich richtig Angst vor dem Bajazzo hatten.

 

David gegen Goliath

Die älteren Netstaler Semester erinnern sich sicher noch an den Schuhmacher Michel in der Nähe der ehemaligen Metzgerei Kamm-Vogel. Dieser kleine, liebenswerte Schuster war im Dorf für seine Qualitätsarbeit und die günstigen Preise bekannt. Entsprechend war auch der Zulauf der Bevölkerung. Er durfte sich seit Jahren eines treuen und langjährigen Kundenstammes erfreuen. Trotzdem blieb es ihm nicht erspart, hie und da ein Inserat in der örtlichen Presse zu veröffentlichen. Dabei glänzte er mit viel Kreativität und Humor. So konnte man in einem Inserat in einer der Glarner Zeitungen lesen: «Selig, die glauben und doch nichts sehen, wenn sie auf Sohlen von Michel stehen». Zeitgenossen wissen, dass der Schuhmacher Michel damals hie und da solche Bibelsprüche für seine Zwecke benutzte. Deswegen waren ihm aber weder die beiden Pfarrherren, noch die Gläubigen beider Konfessionen böse. Darüber, wie sich der Werbeeffekt dieser Inserate auf sein Portemonnaie auswirkte, könnte höchstens er selber, der vor vielen Jahren gestorben ist, Auskunft geben. Auch über die nachfolgende Geschichte, die sich gemäss meinem Vater tatsächlich wie beschrieben zugetragen haben soll.

 

Auge um Auge, Zahn um Zahn…

Der kleine Schuster und der Hüne Bajazzo waren Nachbarn und nur durch eine Strasse getrennt. Ihre nachbarliche Freundschaft hielt sich in Grenzen, man sagte sich «Grüezi» und «Adjö», mehr aber nicht. Es war im Dezember in den 60er-Jahren und wieder einmal ein Winter, wie er heute sein sollte. Der Netstaler Hausberg, der Wiggis, zeigte sich in atemberaubendem Weiss und von den Hängen lösten sich im Minutentakt kleine und grössere Lawinen. Netstal steckte in einem dicken Winterkleide. Schon in den frühen Morgenstunden war der Schneeräumer vom Dienst, der «Ziegler Schaag» mit seinem Pferd und vorgespanntem Holzpflug unterwegs. Die Strassen und Gassen im Dorf am Fusse des Wiggis waren Dank den fleissigen «Zieglers» schon vor Arbeitsbeginn vom vielen Schnee befreit. Folge davon waren manchmal meterhohe Schneeborde links und rechts der Strasse. 

Der Bajazzo eröffnete den Reigen seliger Geister als Erster. Er schaufelte den Schnee vor seiner Haustüre hinüber zum Nachbarn. Im Gegensatz zum wunderschönen Lied von Christoph Willibald Gluck klangen die nachfolgenden Töne des wütenden Schuhmachers alles andere als schön. Ein herbeigeeilter, in der Nähe wohnender Metzgermeister erkundigte sich beim Schuster, was denn eigentlich los sei und warum ein solcher Lärm schon in den frühen Morgenstunden nötig sei. Der aufgebrachte Schuster erklärte dem heimlich schmunzelnden Metzgermeister, was passiert war. Daraufhin habe dieser, ein ehemaliger ausgezeichneter Schwinger und Nationalturner, den Schuster ermuntert, er solle doch den Schnee wieder vor die Haustüre von Bajazzo zurückverfrachten. Wenn dieser handgreiflich werde, würde er ihm dann schon helfen. Von so viel Zusprache beseelt, faste der Schuster seinen ganzen Mut zusammen und schleuderte Schaufel um Schaufel Schnee dorthin zurück, von wo er herkam, ganz nach dem Motto «Wie du mir so ich Dir» oder «Auge um Auge, Zahn um Zahn». Mittlerweile hatte sich der Metzgermeister klammheimlich zurückgezogen und das Feld geräumt. Und so kam es, wie es kommen musste: Nun ging eine halbe Stunde lang ein wahres Schneeschaufel-Feuerwerk über die Bühne, begleitet von gegenseitigen Anschuldigungen und Beleidigungen. Nachdem die beiden Kampfhähne nach einem anstrengenden Schneeschaufeln-Wettkampf müde und angeschlagen in den Seilen hingen, vollendete die aufgehende warme Sonne das Werk, welches die beiden Nachbarn hätten friedlich miteinander erledigen können, und liess die Schneehaufen schmelzen wie Butter.

 

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