Me törf d'Lehrer nüd duuze

Von Hans Speck

 

Der Start ins erste Schuljahr verlief für mich und meine Schulkollegeninnen und -Kollegen

beinahe optimal. Ich denke, wir waren damals froh, von einem aufgestellten und

verständnisvollen, vor allem geduldigen und sehr jung aussehenden Lehrer die 1.

Klasse der Primarschule in Netstal besuchen

zu dürfen. Vom Aussehen her sah man unserem Lehrer sein Alter überhaupt nicht

an und viele Erwachsene, darunter auch mein Vater, meinten gar, der sehe ja aus

wie ein Sekundarschüler. Unser Lehrer hiess mit Vornamen Willi und war durch

und durch ein richtiger Kleintaler aus Engi. Zu dieser Erkenntnis kam ich natürlich

erst viele Jahre später, als ich mich an die Zeit mit Lehrer Willi

zurückerinnerte. Seinen Wohnsitz während der Woche hatte unser Lehrer im Hause

der Familie Läderach, dem Ursprungsort des heutigen Schokoladenkonzerns

Läderach. Dort bewohnte er, kaum einen Steinwurf von unserem Hause entfernt, ein

kleines heimeliges Zimmer und war so gesehen ein Nachbar von mir. Wir waren uns

nach einigen Woche einig: Es machte allen richtigen Spass, bei Lehrer Willi in

die Schule zu gehen.

 

Eines Tages hatte einer meiner Klassenkollegen die Glanzidee, man könnte unserem blutjung

aussehenden Lehrer das Du anbieten. Das würde ihm sicher nichts ausmachen, und er

würde sich kaum daran stören, wenn wir Schüler ihn duzten, zumal das Verhältnis

zwischen Lehrer und Schülern ausgezeichnet war. Also vereinbarten wir Vier vom

„Bermuda-Dreieck“, so nannten wir damals unser Hoheitsgebiet, welches sich von

der damaligen Post hin zum Rathaus und bis zur Metzgerei Kamm erstreckte, Lehrer

Willi kurz vor dem nachmittäglichen Schulbeginn beim Unterstand der Bäckerei Läderach

zu empfangen. Um dem ganzen Empfangsprozedere gleich noch etwas Pep

aufzusetzen, entschlossen wir einstimmig und in seltener Harmonie, sobald die

Türe aufging, ihm statt das obligate „Grüezi Herr Lehrer“ ein freundliches und

fröhliches „Salü Willi“ entgegen zu bringen. Damit alles auch perfekt klappte,

vereinbarten wir, auf das Kommando „Eins, zwei, drei“ ein kräftiges „Salü

Willi“ ertönen zu lassen. Gesagt, getan! Punkt 12.50 Uhr ging bei den Läderachs

die Türe auf und unserer Lehrer trat, erstaunt von so viel Ehrerbietung, in den

Hausgang. Mit einem kräftigen „Salü Willi“ wurde unser Pädagoge von uns

freudestrahlend empfangen. Weniger freudestrahlend war dann im Anschluss Lehrer

Willi selbst. Jedenfalls hielt er uns Vier vor versammelter Klasse eine unüberhörbare

Standpauke und machte gleichzeitig allen unmissverständlich klar: „Man darf den

Lehrer nicht duzen!“ Wir hielten uns wie geheissen an diese Weisung und ab

sofort hiess es wieder „Grüezi Herr Lehrer“.

 

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