In memoriam Josef Barmettler - katholischer Pfarrer in Netstal (1937 - 1971)

Von Hans Speck

Pfarrer Josef Barmettler war ein waschechter Innerschweizer, aus Buochs im Kanton Nidwalden stammend. Er diente der katholischen Kirchgemeinde Netstal von 1937 bis 1971. Mit Pfarrer Barmettler verbinden mich noch heute viele kleine Geschichten und Reminiszenzen. Wir waren ja so etwas wie Nachbarn. Pfarrer Barmettler

wohnte im Pfarrhaus auf der Südseite und ich auf der Nordseite der Katholischen Kirche. Einer der Tummelplätze von uns Buben war unter anderem auch der Pfarrgarten auf der Nordseite der Kirche. In diesem Garten hatte es zahlreiche Bäume, die in Reih und Glied wie Bleisoldaten sich über eine Länge von der Bäckerei Läderach bis zur Post hin erstreckten. Wir Buben kletterten wie kleinen Tarzans von Baum zu Baum. Jeder Baum, und jeder Ast war uns bekannt.

Pfarrer Barmettler schaute unserem Treiben manchmal besorgt zu und mahnte uns, es nicht zu übertreiben. Ausserdem sah er es überhaupt nicht gerne, wenn wir seine Bäume mit unserer Herumkletterei malträtierten. In Anbetracht dessen, dass mich Pfarrer Barmettler gut kannte, war es weiter nicht wunderlich, dass Hochwürden mich gleich beim ersten Religionsunterricht auf den vordersten Platz, also in Ohrfeigen-Reichweite platzierte, in der Meinung, dass er den kleinen "Speggli“ so in Schach halten könne. Zugegeben, dieser Order passte mir überhaupt nicht und so versuchte ich immer wieder, mich auf einen anderen Platz hinzu setzen. Aber jedes Mal wurde ich wieder durch Netstal katholischen Geistlichen auf meinen zugewiesenen Platz zurückbeordert. Und wehe, wenn ich mich einmal muckste, da spürte ich seine Haselrute oder seinen Schlüsselbund. Beides waren für ihn probate Mittel, bei uns Kindern den nötigen Respekt zu erheischen. Manchmal hatte ich den Eindruck, ich sei Pfarrer Barmettlers "Lieblingskind“. Eines Tages, ich weiss bis heute nicht warum, knallte er mir den "Stägge" auf meinen Rücken. Barmettlers Holzwaffe zerbrach in Stücke. Seine Aufforderung darauf hin: „Hans, gang mir i Buechwald wieder än Stäcke go holä!" Was blieb mir anderes übrig, als mich seinem geistlichen Befehl zu beugen; auf die Gefahr hin, dass ich in Bälde wieder Opfer seiner "geistigen Ausraster“ werde. Doch es blieb zum Glück bei diesem einzigen Mal.

 

Ein Negerli als Rettung in der Not

Wer heutzutage das Wort "Neger“ verwendet, läuft in Gefahr, gleich als Rassist abgestempelt zu werden, obwohl vor nicht allzu langer Zeit sogar die Priester dieses Wort, vielfach zitiert aus der Bibel, in ihren Predigten verwendeten. Was in der spanischen Sprache täglich mit dem Wort "Negro“, gleichbedeutend für die Farbe Schwarz zum täglichen Wortschatz gehört, ist bei den sogenannten Weltverbesserern absolut verpönt. Doch lassen wir das. Ich möchte Euch die Geschichte mit dem Negerli nichtsdestotrotz im Katholischen Pfarrhaus nicht vorenthalten. Eines Tages wurde ich von Pfarrer Barmettler in seine Residenz im Pfarrhaus vorgeladen. Ich hatte seiner Ansicht nach wieder einmal etwas "bosget“ und wusste im Voraus, was mich erwartete. So folgte ich an einem Mittwochnachmittag seiner Vorladung und läutete mit ziemlich viel Bammel vor der Haustüre. Pfarrköchin Lina empfing mich mit mütterlicher Güte und forderte mich freundlich auf, im Wartezimmer auf

Hochwürden zu warten. Dies dauerte und ich hatte genügend Zeit, mich in seinem Wartezimmer umzusehen. Ich erblickte sogleich auf einem Tischchen ein Kässeli mit einem schwarzen Mädchen, welches beim Einwerfen einer Münze immer mit dem Kopf wippte, wie wenn es Danke sagen möchte. Als kleines Schlitzohr dachte ich mir, wenn jetzt dann der Pfarrer kommt und ich einen Batzen in das Kässeli werfe, nickt das Negermädchen mit seinem Köpfchen und ich könnte bei Pfarrer Barmettler mit jeder Garantie Punkte sammeln. Doch hatte ich weder Franken noch Räppler. Doch ein klitzekleines Schüpfchen an das Köpfchen und die Stimmung würde sich

bei Hochwürden schlagartig zum Positiven ändern. Das Timing klappte hervorragend. Pfarrer Barmettler betrat ziemlich forsch das Wartezimmer. Als erstes sah er das mit dem Köpfchen nickenden Negermädchen. „Häsch ä Batzä inegworfä?“, sagte er erstaunlich freundliche. Als Antwort machte ich das Gleiche wie das Negerli.

Ich nickte mit dem Kopf, wohl wissend, dass ich soeben einen echten katholischen Pfarrer angelogen hatte. Zum Glück gab es da ja noch die Beichte.

 

„Lass das la sii!“

Und noch ein kleines Müsterchen aus meinen unzähligen Begegnungen mit Pfarrer Barmettler. Es war allgemein bekannt, dass Netstals katholischer Pfarrer beim Händedrücken sich eher zurückhielt. Oder anders gesagt hielt er seinem Gegenüber jeweils nur die Hand hin, zu drücken hatte der Andere. Warum er sich so verhielt, konnte man nur vermuten. Jedenfalls hatten wir Kinder das eigenartige Verhalten unseres Religionslehrers ziemlich schnell mitbekommen. Eines Tages kam einer von uns Lausebengels auf die Glanzidee, wir könnten unserem Pfarrer unsere Ehrerbietung mit einem kräftigen Händedruck erweisen. Gesagt, getan. Pfarrer Barmettler begrüsste jeden von uns einzeln mit seinem kaum spürbaren Händedruck. Wie gemeinsam vereinbart drückten wir alle ohne Ausnahme die Rechte des Pfarrers so kräftig, wie er Kraft seiner Jugend eben konnte. „Lass das la

sii!“, tönte es in der Folge kurz hintereinander in Original Nidwaldner Dialekt. Irgendwie hat Netstals katholische Obrigkeit mitbekommen, dass das Vorgehen seiner kleinen Schäfchen ein gezielter Händedruck-Anschlag war. Folge davon war, dass unser Pfarrer künftig auf die persönliche Begrüssung jedes Einzelnen verzichtete. In diesem Zusammenhang noch ein kleines Müsterchen in Bezug auf dieses Begrüssungsprozedere. Es war früher so, dass wir Buben manchmal mit einer Mütze auf dem Kopf zur Schule gingen. In meinem Falle war das meistens eine Büsimütze. So traf es sich, dass ich im Religionsunterricht unseren Pfarrer mit der Mütze auf dem Kopf begrüsste, was dieser gar nicht goutierte. Er fand dieses Verhalten unanständig und er machte mich darauf

aufmerksam: „Häsch du da Spatze drunder?" Gleichzeitig zeigte Hochwürden unmissverständlich mit seiner Rechten auf meine Kopfbedeckung. „Nein, Herr Pfarrer, unter dieser Mütze ist kein Vogelnest“, antwortete ich etwas irritiert und dabei dachte ich: „Einen Vogel hat wohl ein anderer.“ Zum Glück konnte er meine Gedanken nicht lesen.

 

Ein Seelsorger nach altem Schrot und Korn

Trotz dieser  kleinen Scharmützel habe ich Pfarrer Barmettler sehr geschätzt. Er war ein erzkonservativer, katholischer Geistlicher und zelebrierte die heilige Messe immer noch in Latein, ganz dem Klerus in Rom entsprechend. So war es nicht verwunderlich, dass er sich mit den Reformen unter dem damaligen Papst Johannes XXIII anfangs sehr schwer tat. Mit der vom Zweiten Vatikanischen Konzil proklamierten Ökumene

konnte er anfangs überhaupt nichts anfangen. Für ihn gab es nur Katholiken und damit basta! Da er aber von Amtes wegen gemeinsam mit seinem Amtskollegen von der "Konkurrenz" im Schulrat sass, legte sich nach geraumer Zeit die sich selbst eingetrichterte Antipathie gegenüber seinen Antipoden. So änderte sich seine pessimistische Einstellung gegenüber Protestanten und er sah ein, dass man gemeinsam in christlichem Glauben durchaus auch miteinander leben und beten konnte. Der charismatische und bei der Netstaler Bevölkerung sehr beliebte Pfarrherr Josef Barmettler verstarb am 15. September 1972 in seiner Heimatgemeinde Buochs. "Requiescat in pace!“

 

 

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