Fascht e Heiligä

Von Hans Speck

 

Die 1. Heilige Kommunion ist für alle katholischen Mädchen und Buben im Alter von 10 Jahren ein unvergessliches Highlight. So war es auch bei mir. Seit Wochen wurde im Beisein von Pfarrer Barmettler die ganze, minutiös einstudierte Zeremonie vom Weissen Sonntag in der Dreikönigs-Kirche einstudiert. Jeder Schritt musste sitzen und wehe dem, der da nicht spurte. Pfarrer Barmettler war unbarmherzig und niemand von uns Erstkommunikanten ging aus der Kirche, bevor nicht alles wie am Schnürchen funktionierte.

 

Wir notieren den 5. April 1959 - vor genau 50 Jahren! Es ist Weisser Sonntag, der sehnlichst erwartete grosse Tag für alle Erstkommunikanten. Ein strahlend blauer Himmel erfreut unsere Herzen und auf den Gipfeln der Glarner Berge liegt immer noch viel Schnee. Grundlawinen donnern im Stundentakt ins Tal und kündigen den Beginn des Frühlings an: Perfekte Voraussetzungen für einen wunderschönen unvergesslichen Tag in der katholischen Dreikönigskirche.

 

Vor lauter Nervosität konnte ich in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag kaum schlafen. Ein wärmendes Bad in der Badewanne am frühen Morgen brachte mich wieder in Schuss. Beim Ankleiden sank mein Stimmungsbarometer dann gleich wieder auf den Tiefpunkt. Grund war meine «Festkleidung», bestehend aus einer grünlich-grauen Hose, Knickerbocker genannt. Man nannte diese unförmige Hose damals auch «Gägelfänger». Ich musste sie auf Anweisung meines Erzeugers Julius tragen ob ich wollte oder nicht und dazu passend in der derselben Farbe ein Jackett. In diesem Anzug sah ich aus wie eine aufgeplusterte Henne – einfach schrecklich. Ich war am Boden zerstört! Ich war so richtig hässig auf meinen Vater. Da ich aber kurz vor meiner ersten Kommunion stand und am Abend zuvor bei unserem Dorfgeistlichen alle meine Sünden gebeichtet hatte, ging ich einer Konfrontation mit meinen Eltern aus dem Wege. Der Einkaufsfurz mit den Knickerbockern stammte von meinem Vater Julius, der weiss Gott warum, den Narren an diesen unförmigen, von mir gehassten Dingern gefressen hatte. «Jännu», ich ergab mich meinem Schicksal, obwohl ich der einzige unter all den Erstkommunikanten war, welcher mit so altmodischen Klamotten vor den Altar treten musste.

 

So kam der grosse Moment, wo wir Erstkommunikanten die Treppe zum Hochaltar hochstiegen. Vor all den versammelten Gläubigen, darunter natürlich auch meine Familie samt Götti Chäpp, nahm ich andächtig und zudem sehr nervös, meine erste Hostie von Pfarrer Barmettler entgegen. Mit gefalteten Händen, total in mich eingekehrt, ging ich den langen Weg vom Hochaltar zurück zu unserer reservierten Kirchenbank. In meinem Innersten hatte ich in diesem Moment tatsächlich das Gefühl, ich sei ein Mitglied der himmlischen Familie und ich selbst wäre der Apostel Johannes, Sohn des Zebedäus. Vor lauter Aufregung verpasste ich unsere Bankreihe und kniete mich in der Bankreihe gleich dahinter nieder. «Jännu», auch den Heiligen, vor allem den Scheinheiligen, passieren ab und zu Fehler. Ich jedenfalls habe sehr schnell gemerkt, dass ich noch ziemlich weit entfernt von einem Heiligen bin.