De nüüe Schii gschlisse

Von Hans Speck

 

Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen. Es war der 24. Dezember, Tag der Geburt Jesu Christi und für uns Christen Heilig Abend im Jahre 1960. Ein traditioneller Tag voller Emotionen, getragen von Vorfreude auf die bevorstehenden Festivitäten inklusive Bescherung. Unsere Mutter war schon frühmorgens eifrig daran, das Abendessen vorzubereiten. Dabei wusste die ganze Familie schon vorher, was am Heilig Abend zu Tische aufgetragen wurde. Das Menü bestand aus einer Suppe, anschliessend als Hauptgang Rahmschnitzel, Teigwaren und Buverli mit Rüebli. Als krönender Abschluss gab es eine feine „Eugenie“ vom Konditor Staub. Vater Julius verbrachte den ganzen Nachmittag mit seinen Jass-Kollegen im „Salmen“ und kam meistens erst bei Dämmerung nach Hause. Meine sieben Jahre ältere Schwester Käthi war bei ihrer besten Freundin Ruth und ich selbst war beim Schlitteln im „Buechbinder“. Ski hatte ich damals noch keine. Der „Buechbinder“ war ein kleiner Hügel gleich hinter dem Sekundarschulhaus. „Äm Füüfi bisch dä wieder diheime“, rief meine Mutter mir mahnend nach, bevor ich mit meinem Schlitten Richtung Schulhaus schlenderte. Pünktlich um fünf Uhr war ich nach Mutters Wunsch wieder Zuhause.

 

 

Das lange Warten auf das Chrischtchindli

 

Jetzt ging das lange Warten erst recht los. „Dr Vater wartet i dr Stube uff z’Chrischtkindli“ erklärte uns Mutter. „Ihr müend e chlä Geduld ha“! Endlich nach einer gefühlten Ewigkeit des langen Wartens erklang das ominöse kleine Glöcklein, welches uns wie jedes Jahr die Ankunft des Chrischtchidli verkündete. Vater öffnete die Stubentüre und als Erstes empfing uns das helle Leuchten der brennenden Kerzen am Christbaum. „“Was für e schüne Chrischtbaum“, meine Schwester Käthi mit leuchtenden Augen. Doch bald verloren sich unserer Blicke mehr auf das, was unter dem Christbaum lag. Mein erster Blick führte zu einem länglichen, schmalen Paket mitten unter den anderen Päcklein. „Das könnten meine gewünschten Ski sein“ mutmasste ich. Doch vor dem grossen Auspacken der Geschenke hiess es, inbrünstig Weihnachtslieder singen. „Stille Nacht“ und „Oh du fröhliche Weihnachtszeit“, tönte es aus der warmen Stube der Familie Speck am Kirchweg. Dazu begleitete uns Vater Julius auf seiner Geige und ich war mit meiner Blockflöte für die falschen Töne besorgt. Nachdem die Singpflicht erfüllt war, ging es ans grosse Auspacken. Das lange, schmale Paket war das erste Opfer der Auspackungsschlacht unter dem Christbaum. Meine Vermutung bestätigte sich. Tatsächlich brachte mir das Christkind dank grosszügiger finanzieller Unterstützung meiner lieben Eltern wunschgemäss ein funkelnagelneues Paar Ski. Gleich anderntags wollte ich diese auf der Mugiweid ausprobieren. So machte ich mich am Weihnachtsmorgen nach dem Kirchenbesuch im Skidress – das waren damals sogenannte Keilhosen und eine von Mutter selbst geschneiderte Ski-Jacke – und mit den neuen Skis auf meinen Schultern, die Stöcke in der Hand, auf den Weg zur Mugiweid. Eine Piste war dort schon wenige Tage zuvor von uns Buben und ein paar Erwachsenen buchstäblich aus dem Boden gestampft worden. Einen Skilift gab es damals noch nicht. „Träppäle“ war angesagt! Zuoberst am Ende des Buchwalds angekommen, machte ich meine Skis bereit zum Anschnallen. Ich wurde jedoch bei meinen Vorbereitungsarbeiten jäh unterbrochen. Einer meiner Skis hatte sich selbständig gemacht und schoss immer schneller werdend die Mugiweid hinunter. Die Fahrt endete krachend in der Mauer am Ende der Piste. Einer meiner beiden Skis war auf gut Glarner Deutsch „z‘hudläspindelle“. Von einem gelungenen Start in den Weihnachtstag konnte man in diesem Moment bestimmt nicht sprechen. Vielmehr hatte ich ab sofort ein Riesenproblem: Wie sage ich es meinem Vater, dass ich sein und Mutters Weihnachtsgeschenk schon am Weihnachtstag geschlissen hatte. Der Weg nach Hause war deshalb demjenigen nach Canossa ähnlich. In der einen Hand den noch ganzen, in der anderen den geschlissenen Ski nahm mich mein Erzeuger gleich beim Hauseingang in Empfang: "Was isch dä da passiert?“, fragte mich Vater mit leicht grollendem Blick. Ziemlich zerknirscht erzählte ich ihm von meinem Missgeschick und es täte mir „eländ leid“, versuchte ich Vater Julius zu beschwichtigen. „Chasch sälber luege, wett wieder zu Schi chuntsch!“, hörte ich ihn sagen und ich könnte wetten, ich hatte dabei in seinem Gesicht ein kleines Schmunzeln entdeckt.

 

 

 

 

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