Böse Käfer in der Ferienkolonie

Von Hans Speck

 

Zu meiner Zeit als Primarschüler organisierte die Schule Netstal während den Sommerferien jeweils eine zwei Wochen dauernde Ferienkolonie in Oberhelfenschwil. Das idyllische Bauerndorf im Toggenburg liegt auf einer Anhöhe von rund achthundert Metern über Meer zwischen den Flüssen Thur und Necker. Ich erinnere mich sehr gerne an die tollen Ferientage in diesem Bauerndorf. Wir waren rund dreissig Schülerinnen und Schüler, eine bunt gemischte Rasselbande aus Mädchen und Buben im Alter zwischen neun und zwölf Jahren. Unter der gestrengen Aufsicht von Lehrer Florian Riffel und seiner Entourage verbrachten wir die ganzen zwei Wochen gemeinsam in einem Anbau des Restaurants Sonnenhof. Mädchen und Buben schliefen dort in getrennten

Massenlagern. Zum damaligen Zeitpunkt fand ich diese Regelung durchaus in Ordnung. In diesem Alter waren uns die Mädchen eigentlich schnuppe. Fussballspielen, Indianerlis und anderer Blödsinn beherrschte unseren

Tagesablauf. Umso schwieriger war dieser Umstand natürlich für unseren Oberaufseher "Flöri“. Vor allem in der ersten Ferienwoche alle unter einen Hut zu bringen, war eine riesige Herausforderung für unseren geschätzten

Schulmeister mit unverwechselbarem Bündner Dialekt. Unser Tagesablauf im Toggenburg war vom Aufstehen bis zum Schlafengehen fast auf die Minute genau festgelegt. Auf dem Tagesbefehl standen meistens ausgiebige Wanderungen in der näheren Umgebung oder dann ging es zu Fuss an die Gestade des Necker, wo wir nach einem dreiviertelstündigen Fussmarsch im eiskalten Wasser baden gingen. Wir haben gesungen, grilliert und Spiele gemacht, und ich durfte mit meinem Freund und Nachbarn Otto von der Pension Eberhard die ganze Runde gleichzeitig musikalisch unterhalten. Otto spielte die Handorgel und ich Trompete. Unser Repertoire

beschränkte sich indessen auf ganze drei Stücke. Unser absoluter Hit war der "Schneewalzer“, den wir weiss Gott wievielmal pro Tag intonierten und den wir gerade noch einigermassen fehlerfrei zustande brachten. Allerspätestens beim hundertsten Mal bestand akute Gefahr, dass Frau Holle genug hatte von unserem Schneewalzer und uns mit dem Ausschütteln ihrer Decken drohte. Doch diese Drohung war nichts gegen das, was wenige Tage nach Beginn der Ferienkolonie folgte. Und mit dieser Zeile ist mir zumindest ein perfekter

Übergang zur nächsten Geschichte gelungen.

 

Bakterien legten alle flach

Eines Tages geriet unsere Ferienkolonie in akute Gefahr, frühzeitig abgebrochen zu werden. Was war passiert? Nach einem opulenten "Chriesibrägel“ zum Nachtessen fühlten sich einige beim Schlafengehen plötzlich unwohl und mussten sich übergeben. Die Seuche fing im Schlafsaal der Mädchen an. Unser "Flöri" und seine  Helferinnen und Helfer hatten alle Hände voll zu tun, düsten von einem Bett zum anderen und halfen den Bedauernswerten so gut als möglich. So nach und nach wurde es auch den Helfern übel und ganz zum Schluss hörte man auch unseren "Flöri" beim Bogenhusten. Erstaunlicherweise blieb ich von den bösen Käfern im Bauch verschont und gemeinsam mit einer Frau vom Restaurant und einer Schulkollegin machten wir uns daran, die bleichgesichtigen Kolleginnen und Kollegen aufs Klo zu begleiten und gefüllte Nachthäfen und Kübel in die Toilette zu spülen. Nicht gerade appetitlich, aber notwendig! Später musste sogar ein Arzt beigezogen werden, und mit Zugabe von Kohletabletten und Medikamenten und viel Teetrinken beruhigte sich die Situation in den frühen Morgenstunden des anderen Tages. Später habe ich mich gefragt, warum ausgerechnet ich von diesem Bakterienbefall verschont blieb. Ich hatte doch das gleiche gegessen und getrunken wie die anderen. Da kam mir mein Götti Chäpp Schmuckli in den Sinn, der mich einmal aufgeklärt hatte, woher der Netstaler Name Schmuckli stamme. Schmuckli war nämlich der Ledigenname meiner Mutter. Gemäss Aussage meines Göttis müssen die Schmucklis hier im Dorf während der Zeit, als die Pest in der Schweiz, vor allem auch in Netstal grassierte, die Leichen aus den Häusern getragen haben. Obwohl die Pest hochansteckend war, waren ausgerechnet die Schmucklis offenbar resistent gegen diese Krankheit mit tödlichem Verlauf. So zumindest hat es mir mein Götti Chäpp erzählt und diesem durfte man nebst kleinen Abstrichen beinahe alles glauben. Und eben, vielleicht liegt die Begründung im Fall von Oberhelfenschwil und den Bakterien darin, dass ich halt eben ein Schmuckli mütterlicherseits bin.

 

 

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